Hawking ein Wissenschaftpopulist?

von phorkyas

„Wenn ich Populärwissenschaft höre … entsichere ich meinen Browning!“

Hawkings ist in seiner eigenen Zunft nicht so gut gelitten, so weit ich das mitbekommen habe. Vielleicht neidet man ihm seinen Erfolg oder hasst diese Art der Popularisierung von Wissenschaft, die dann dafür sorgt, dass man sich mit Laien über die komplizierten Theorien und den Urknall unterhalten soll.

Wie in einem launisch-polemischen Artikel in der Zeit bündig festgestellt wird:

Preisfrage: Wie verkauft man eine komplizierte physikalische Theorie, für die sich niemand interessiert? Antwort: Indem man einen Bezug zur Metaphysik herstellt. Dass diese Methode zuverlässig funktioniert, hat nicht nur Stephen Hawking bewiesen, der in seiner Kurzen Geschichte der Zeit immer wieder auf »Gott« und dessen Plan zu sprechen kommt.

(Dort habe ich dann auch erfahren, dass das unsägliche „Gottes-Teilchen“ viel treffender „goddamn particle“ heißen sollte, aber das passte in Amerika wohl nicht so gut auf den Buchdeckel.)

Nun durfte ich kürzlich ein Kapitel aus seiner „Kurzen Geschichte der Zeit“ lesen und fand zwei Punkte in diesem Kapitel bemerkenswert. Zum einen war es schön dass ein Inhaber von Newtons Lehrstuhl expliziten Bezug zu dem Newton attributierten Uhrwerk-Metapher nimmt, und auch dem Reduktionismus zuneigt:

Jede Geschichte in der Aufsummierung von Möglichkeiten beschreibt nicht nur die Raumzeit, sondern auch alle Einzelheiten darin, einschließlich so hochentwickelter Organismen wie der Menschen, die die Geschichte des Universums beobachten können.

Wird hier mit „Geschichte beschreiben“ die Notwendigkeit und die Determiniertheit mit der die Naturgesetze die Vorgänge aus einmal gegebenen Anfangsbedingungen entwickeln mit eingeschlossen – so wie er von den möglichen Startzuständen des Universum spricht und den Konfigurationen, die sich ergeben, liegt es zumindest nahe. Direkt vor diesem Satz steht auch Heitlers „Im Prinzip“ (s. der Artikel Wissenschaftskritik I hier), indem Hawking dann doch konzediert, „dass ein Modell, welches das Universum in allen Einzelheiten bescheibe, mathematisch viel zu kompliziert [sei], um mit seiner Hilfe genaue Vorhersagen errechenen zu können.“

Der zweite Punkt betrifft seine Abneigung gegen das anthropische Prinzip, der ich auch zuneige. Wollte man sich mithilfe dieses Zirkelschlusses, dass wir die Welt so beobachten, wie sie ist, weil wir sonst nicht da wären, um sie zu beobachten, aus der Affäre ziehen, um die willkürlichen, so fragilen Anfangsbedingungen des Universums auf die Parameter zu „tunen“, die dann auch unser Universum ergibt, täte man dies, so sagt Hawking „käme [dies] einem Offenbarungseid gleich, einem Abschied von unserer Hoffnung, wir könnten die dem Universum zugrundeliegende Ordnung verstehen.“ Diesem letztlich metaphysischen Vorurteil würden wahrscheinlich die meisten Physiker zuneigen, dass es „weit befriedigender [wäre], wenn [..] unser Universum nicht einer der möglichen Geschichten ist, sondern auch eine der wahrscheinlichsten.“ Wenn er aber dieses Vorurteil schon für die Physik hat, warum nimmt für die Entstehung des Lebens so einen Primitiv-Darwinismus an, in dem die Natur dem dummen Affen gleich auf der Schreibmaschine irgendwann die richtige Basenkombination des Makromoleküls zusammengehackt hat?

Schon der Titel des achten Kapitels fuchtelt als „Ursprung und Schicksal“ mit der Metaphysik und ganz am Ende will Hawking Gott vielleicht noch das Uhrwerk des Universum aufziehen lassen, beziehungsweise stellt die Frage, wo überhaupt noch Raum für den Uhrwerkmacher wäre in seinem abgeschlossenen, grenzen- und randlosen Universum. Ach, es ist ein merkwürdiges Machwerk, dieses Büchlein: da wird provokativ mit den metaphysischen Überresten gespielt, die Hawking oder der heutige Naturwissenschaftler letztlich schon für obsolet halten müssten – und gleichzeitig ist die eigene metaphysische Position schon unsichtbar geworden. Die Naturbeschreibung wird zur Naturerklärung, ja selbst schon die Spekulationen, Theorien und Modelle (die oft alle in eins gerührt werden) werden als Realität angenommen. So muss man es wohl machen will man Physik verkaufen.

„Schöne neue Welt, die solche Bücher erträgt“, möchte man mit Ernst Peter Fischer klagen.

Versuchen wir nun endlich eine Defintion, was Wissenschaftsideologie eigentlich sei?

Damit möchte ich jene Schrumpfform von Wissenschaft bezeichnen, die ihre eigenen Methode, die metaphysischen Vorbedingungen ihrer Theorien, nicht mehr reflektiert bzw. unsichtbar werden lässt, in welcher die Grenzen und Aussagefähigkeit der Modelle verwischt werden, in der der Fortschritt und der Erkenntnisgewinn der Forschung beinahe genauso zwangsläufig erfolgt wie die Naturgesetze selbst (die falschen Theorien werden anhand ihrer empirisischen Widerlegung einfach aussortiert).

Die vom Titel aufgeworfene Frage, ob Hawking nun für dieser Wissenschaftsideologie anhängt oder für sie benutzt wird,.. verschiebe ich mal in die nicht-existenten Kommentare.

Edit: Den Titel habe ich nun geändert.