Die Immanenz der Kritik

von phorkyas

Da hatte ich mich nur für eine kleine Stichelei bei FAZ.net angemeldet und schon ist das soziologische Experiment gescheitert. Das war schon zu viel. Dabei hat der Kommentator, dessen Einlassungen ich eigentlich nur loben wollte, doch eine viel treffsichere Spitze abgefeuert. Es ging um einen Artikel über Multitasking , der auch prompt wieder alle Vorurteile erfüllte. Einen „boris kotchoubey“ nötigte es jedenfalls zu einer dreiteiligen Zerlegung des Artikels, bei der unter anderem auch schrieb: „Wozu also das Theater? Ganz einfach um das konservative Publikum zu bedienen, das vor Neuem immer eine panische Angst hat. Dieses Publikum hat Geld und Einfluss, und es werden in Massen pseudowissenschaftliche Argumente produziert, die diese Angst bestätigen und weiter schüren.“ – Der Gegenangriff mag in Teilen (rhetorisch) nicht einfallsreicher als der Artikel sein (zunächst beginnt er damit dem Autor die Kompetenz abzustreiten, und ganz zu Ende folgt noch die Aushebelung all dieser technologiekritischer Reflexe á la Passig). Jedenfalls fand ich diese Einlassungen zwischen all dem „Das Internet/Google/Kaktus ist böse und heiß“-Schmock sehr erfrischend und wollte meiner Begeisterung Luft verschaffen:

@Boris Kotchoubey

Dieses Machwerk von Artikel, das ich mir nach dem Titel schon nicht mehr zu Gemüte führen wollte, verarbeiten Sie zu Kleinholz, dass es eine Freude für mich war. So etwas wünschte ich mir in gedruckter Form,
vielleicht als Leserbrief?

Warum müssen denn, wenn man den Zweifel (oder wahlweise auch die Unabhängigkeit, die kritische Reflexion usw.) bemüht, die Artikel so einfallslos-unkritisch geraten, als dienten sie dem Leser nur zur Bestätigung seiner wenig in Anspruch genommenen Denkfähigkeit?

…wird jedenfalls nicht veröffentlicht.

In der Zeit jedoch werden Publikumsbeschimpfungen veröffentlicht:
„Ich bin cool, ich war schon mit 14 im Berghain, ihr seid alle Wichser.“
Jetzt ist meine Zeit um. Ein bisschen kann die Frau Hegemann einem jedoch leid tun. Nur wer sich auf das Spiel mit der Authentizität einlässt hat schon verloren (selbst wenn sie darin besteht sie fortlaufend zu dekonstruieren). Spiel nicht mit den Schmuddelkindern von der Literaturkritik?

Edit: Eigentlich hätte es ein Artikel über die Unmöglichkeit der Kritik werden sollen (s. Titel). So wie der Fulgurator und Banksy mit dem Erfolg bei Publikum und Kritik die Zähne gezogen werden (so ähnlich, das ist eine meiner Liebliengsthesen, war es mit dem Nazarener, die frohe Botschaft, das Ende der Religion, ließ sich nur durch Religion entschärfen – na vielen Dank!). Ist eben leider alles dialektisch, mit der (System-)kritik (das hätte die Hegemann von ihrem Adorno doch auch schon wissen müssen). Das „Akklamationsproblem“, es ist ein zwiefaches: für den auf der Bühne, Textverfasser, der nicht zur Gedankenlosigkeit vereinnahmen darf und für den Rezipienten, der nicht zum (Gesinnungs-)Claqueur werden darf.

Die Titanic schaue ich mir dank Abo nun auch öfter an und ich habe mir schon beim ersten Heft die Frage gestellt, ob wer so dauerhaften Bezug zum aktuellen Zeitgeschehen nimmt, dieses nicht letztlich bejaht (ohne die Information über diesen ganzen Blödsinn würde man die Witze ja nicht einmal verstehen).

Naja, Fuck the system, wenigstens nen bisschen, und so.

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