Wissenschaftskritik II

von phorkyas

Die vorige Textwüste ist leider eine sehr ausführliche Zusammenfassung geworden, aber ich wollte es unbedingt von meiner eigenen Stellungnahme trennen. So habe ich auch versucht im ersten Beitrag eigene Ergänzungen in Klammern zu setzen (vielleicht sollte ich einige der überflüssigen Ausführungen auch einfach streichen) und die Meinung Heitlers unabhängig davon möglichst getreu wiederzugeben.

Kapitulation im Kamp der „Kulturen“

Die expansive Kraft der deduktiv-reduktionistsichen Wissenschaft hat sich seit Heitler wohl nur vergrößert. Und mit aller Macht dringt sie in jene Bereiche, die Heitler als uneinnehmbare Bastion noch glaubte: das menschliche Gehirn. Und schon treten sie auf den Plan die Wissenschaftsprediger und verkünden die Widerlegung des freien Willens. Man möchte sich hinstellen und sie ebenso auslachen, wie die Soziophysiker, die menschliche Entscheidungen auf das Ising-Modell abbilden oder die kritischen Fluktuationen ebenjenen Modells mit den Korrelationen im menschliche Gehirn vergleichen. Wissenschaftskitsch! Genauso wenn umgekehrt nun Philosophen strenge Beweise führen oder Zusammenhänge sinnlos als Formeln widergeben müssen (wenn sie noch Logiker wäre es ja in Ordnung).

Noch beim Blättern in einem Büchlein, in dem Autoren ihre „Unwürdigen Lektüren“ vorstellten, stieß ich darauf. Julia Franck bekannte da, dass sie die Wissensteile der Tageszeitungen als einziges immer ganz lese und sie beschämt sei über das halbgare Achtelwissen, das diese nur hinterließen. „[D]as Große und Anspruchsvolle, die umfassende und aktuellste Berichterstattung aus der Forschung, Nature und Science, die hole [sie sich] nicht ins Haus.“ Sind das die neuen heiligen Schriften, vor denen man erfurchtsvoll erstarre, noch mehr diejenigen, die fürchten, keinen Zugang dazu finden zu können? Thomas Raab wedelt dann gleich mit der weißen Flagge: die Naturwissenschaften hätten „uns sowohl die Redundanz des traditionell humanistischen Kulturbegriffs auch die des Genießens innerhalb seines Rahmens schmerzlich vor Augen [ge]führt. [..] Literatur ist ebenso wie Philosophie als Aufklärungsmedium angesichts der realen Manipulationsmöglichkeiten von Naturwissenschaften und Technik am Ende angelangt. Helge Schneiders Kunst stellt auf kraftvolle Weise die Implosion der Kultur dar, wie wir sie kennen und nur schwer lassen können.“ (Den letzten Satz nehme ich noch mit, da Raabs Text möglicherweise einen ähnlich doppelten Boden hat, wie er ihn bei Helge Schneider sieht…)

Aber wie soll man Heitler folgend den „weicheren“ Wissenschaften verbieten sich an den härteren, reineren, exakten Wissenschaften zu orientieren? Der Pyrrhussieg der Physik ist wohl unaufhaltbar. Dabei: Das erste, was ein Physiker doch lernen sollte, ist dass man sich die Näherungen und Idealisierungen, die ein Modell macht, und damit seine Grenzen vergegenwärtige. Wie kann man das nur vergessen und von einer Theorie von Allem faseln? Selbst derjenige, der die „Weltformel“ fände, könnte das Dreikörperproblem nicht lösen, die Börsenkurse nicht vorhersagen oder mein nächstes Wort. Es ist Unsinn ein Pferd oder auch nur eine Zelle auf Ebene der Quarks und Leptonen beschreiben zu wollen. Das ergäbe nicht einmal ein Modell, weil man es auf dieser Ebene nicht von einem Betonklotz unterscheiden kann.

Der Determinismus, gilt – folgt man Heitlers schöner Fußnote – eben nur „Im Prinzip“, also im Sozialismus.
Frage an Radio Eriwan: Es ist denn dann, wenn man die Anfangsbedingungen genau kennte und die entsprechenden Bewegungsgleichungen gegeben wären (die dann auch hoffentlich linear oder vielmehr eindeutig lösbar), alles vorherbestimmt?
Antwort:
Im Prinzip ja.

Es wird Zeit, dass wir uns Wissenschaftlern endlich einbleuen, dass die Erde keine kausale Scheibe ist, sondern ein paar Dimensionen mehr aufweist.

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Edit: Ab und zu lernt man im Internet ja doch etwas: Das Dreikörperproblem ist gelöst. Es lässt sich (abgesehen für die Fälle in der es zu einer Kollision kommt – diese Fälle verschwindenen Drehimpulses sind allerdings vom Maße null) eine geschlossene Lösung in Form einer Potenzreihe angeben.

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