Wider die Wissenschaftsideologie?

von phorkyas

Gestern gelang es Forschern am CERN zwei Protonenstrahlen mit 3,5 TeV zur Kollision zu bringen. Und als richtiger Fanboy habe ich mir auch Teile der Liveübertragung angeschaut. Zwar habe ich nicht applaudiert, wie die Kollegen eine Etage tiefer, aber ein bisschen der Freude und des Entusiasmus sprang auch auf mich über.

Wenn ich jedoch versuchte zu vermitteln, warum dieses Experiment so wichtig ist, komme ich dann ueber Fortschritts- und Erkenntnisphrasen hinaus?

Wie schlagen sich denn die Schlagzeilen, dieses Ereignis an die Massen zu bringen?
„Kollision: Urknall-Experiment geglückt“
„Urknallmaschine mit Rekordenergie“
„Rekord-Crash in der Urknallmaschine“

Nicht einmal so schlimm, wie erwartet.

Nur die Kurzzusammenfassungen geraten manchmal etwas peinlich:
„Atomforschungszentrum Cern in Genf – heute führen Forscher eines der irresten und umstrittensten Experimente der Menschheit durch.“ (Wo das nur herkommt?)
„Im Forschungszentrum CERN wurde am Dienstag eine Art Urknall simuliert.“
„Die Forscher jubeln: Ihre Erkenntnismaschine arbeitet endlich – wenn auch
langsam.“

Leider geht’s ja nicht wie im Film, wo man auf den Knopf drückt und das „Gottesteilchen“ – diese Bezeichnung löst bei mir immer noch leichte Übelkeit aus – findet. Ach, diese liderlichen Namen. Muss man die Suche mit solchen Unsinnsbegriffen „verkaufen“? Nach Seltsamkeits- und Charmeteilchen vielleicht mal Honig- oder Hummelbrummer? Vielleicht zu nahe am Leim, den man schon hat? Gralsteilchen scheint noch niemand verwendet zu haben, das würde doch passen, wenn man das CERN schon als Mekka bezeichnet und andere religiöse Konnotationen auch nicht scheut.

Ende des Vorhergenden.

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Autobiographische Reminiszenz I

Im achten Schuljahr muss es wohl gewesen sein, dass ich eine Hausarbeit über Marie Curie verfasste. Als Grundlage diente die Biographie ihrer Tocher und ich weiß noch, wie sehr mich dieses Buch fesselte. So sehr, dass mir schon klar war, dass ich nicht ordentlich darüber schreiben können würde. Den Forschergeist, den die Beschreibung der Tochter da erstrahlen ließ, er strahlte gar zu grell: Alles in den Dienst der Erkenntnis und der Forschung stellend betrieb Madame Curie Raubbau am eigenen Körper, vergaß einfach zu essen (teilweise fehlte zu Beginn wohl auch das Geld, aber zu essen, war auch einfach nicht so wichtig). Nun bin ich nicht in gleicher Weise entflammt, aber ich empfinde immer noch Hochachtung vor solchem Forschergeist.

Die Hausarbeit misslang auch wie prophezeit. Die darauffolgenden schrieb ich über Atatürk, sie geriet hervorragend.

Ende des Vorübergehenden.

Lässt dieser Forschergeist sich scheiden von der Wissenschaftsideologie, die zu zerrupfen ich mir vorgenommen hatte? Sind solche Forscher nicht allein davon beseelt, eine Sache zu verstehen und zu begreifen und alles andere zählt fuer sie nicht? Herr Adorno sieht wohl schon im wissenschaftlichen Be-greifen die (Macht-)Ergreifung. Und so Unrecht hat er ja nicht, wenn Wissenschaftler glauben ihr wissenschaftliches „Weltbild“ sei die einzige plausible, schlüssige Welterklärung“ und die Welt sei nach ihrer rationalistischen Weise zu formen. „Wissen“ so wollen sie uns weißmachen, sei an sich neutral, wahrscheinlich wie auch Vernunft und Aufklärung. Das Experiment crucis lässt nur die wahre Theorie übrig.

So verabreicht Friederick Crews in seiner im Merkur vom Juni 2007 abgedruckten Polemik dem Erzbischof von Canterbury eine vermutlich verdiente verbale Abreibung, um dann alles im grellen Magnesiumlicht der Aufklärung abzufackeln: Wer es überhaupt noch wagt den metaphysischen Naturalismus anzutasten, findet sich wieder bei der „theoretisierende[n] [d.h. wohl obskuranten] Linken und radikale[n] Feministen“, die Wissenschaft verbänden mit der „patriarchalischen, kapitalistischen, imperialistischen Raubgier, die Mutter Erde übel zugerichtet hat“, denn „der metaphysische Naturalismus [sei] also vielleicht undiplomatisch, [würde] aber von der Gesamtheit des vorhandenen Beweismaterials gestützt.“

Eine metaphysische Position (und sei es die Verneinung aller Metaphysik) beweisen?

Nur habe ich gerade gemerkt, dass ich selbst vermutlich auch Naturalist bin – auch noch Materialist dazu… Die erhitzten Diskussionen gab’s zum Beispiel hier oder hier, das muss man jetzt ja nicht wieder aufwärmen.

Augenblicklich möchte ich ja nur in Ruhe im Sand wühlen: Kann man die Kinder nicht mal in Ruhe lassen, bitteschön?!

Autobiographische Reminiszenz II

Vor dem Beginn meiner Diplomarbeit irgendwann muss es gewesen sein, da warnte ein Professor uns sinngemäß, dass man sich dem erkenntnisehernen Dunst, der da durch die Fakultätsflure wehe, rechtzeitig entziehen müsse bevor sie einem das Denkorgan benebeln.

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Und immer noch nichts über Herrn W. Heitler. Unter dem vielleicht etwas hochtrabenden Titel „Der Mensch und die naturwissenschaftliche Erkenntnis“ ist ein Vortrag von 1960 abgedruckt, in dem er der wissenschaftlichen Methode und ihren technologischen Ausläufern eine Fundamentalkritik unterzieht:
„Nachdem wir nun erkannt haben, daß die kausal-quantitative Wissenschaf ’nur‘ ein Projektionsbild der Welt beschreibt, entsteht natürlich die Frage, wie dieses Teilbid weiter in die fehlenden Dimensionen fortgesetzt werden könnte. Offenbar bestehen Räume, die wissenschaftlich bis jetzt wenig oder gar nicht betreten sind. In diesen Räumen muß alles vorkommen, was nicht quantitativ ist, also die Farbqualitäten, Ton, Geruch usw.; es muß auch alles vorkommen, was sich überhaupt auf den Zusammenhang von physikalisch-chemisch-meteriellen Vorgängen mit dem tierischen und menschlichen Innenleben bezieht — und vieles mehr.“

„Aber es gibt so etwas wie tieferes Wissen – im Sinne einer Erkenntnis, die keiner Überprüfung bedarf – nicht. Es gibt nur Wissen, basta.“ Friederick Crews

(Edit: Link verbessert.)

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