Wollt ihr die totale Kritik?*

von phorkyas

винии едет сейчас домой
с ним сидит один больной
ну а может не больной
нет и вовсе не больной
он же ведь любимый мой
Пух

Es ist ein Vergnügen, es ist eine Qual die Herren Adorno und Horkheimer zu lesen. Wenn kunstvoll die Satzgirlanden sich winden und Fremdwortkaskaden kreuzen, dass ganz verloren man sich schon wähnt, ja dann blitzen wieder scharfe, klare Sätze hervor, dass man lachend applaudieren möchte: So ist’s, Treffer versenkt.

Aber darf man das überhaupt? Ist das nicht auch wieder nur Affirmation? All dieses aberwitzige Geschwurbel, dunkle Geraune, fröhliche Polemisieren man möcht es ja goutieren, hat man sich einmal erst hindurchgequält.

Über den Wassern schwebte der kritische Geist und er sah, dass es falsch war.
(Hatte er in seinem Walde noch nichts davon gehört, dass Er todt ist?)

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Lustig hätte ich es mir vorgestellt, wenn in meine Kommentarspalte auch mal so ein Troll vorbeikäm, oder einer der mich anklagt:

„Ich finde allerdings noch ermüdender, sich so zu generieren, wie Sie das offenbar nötig zu haben scheinen. Ich will Ihnen gar nichts Böses, aber wenn das, was Sie zu sufflieren scheinen, wahr zu sein hat, weiß ich, dass wir beide keinen Kompromiss erzielen werden.“

– Aber vielleicht, ist es auch besser so, dass es still ist hier in meinem Sandkästchen, dass ich gemütlich den Sand durch die Finger rinnen lassen kann. Vielleicht wäre es noch schön, käme eine Schildkröte vorbei, würfe einen Blick in die Runde und sagte: „Nene, Nene!“

Nein, ruhig, kann es ruhig bleiben. Ein Leser ist schon mehr als erwartet. Beschimpfungen, Streit muss ich mir hier doch nicht antun… Der Eindruck von Ekel wirkt immer noch nach über die „flamewars“, die die Großkopferten der deutschen Bloggerszene sich so zu liefern scheinen. – Bei uns im Städtchen gehören die Kneipen alle einer Handvoll von Leuten, die dann am frühen morgen, wenn ihre Kneipen schon dicht gemacht haben in einer Absteige gemeinsam noch was trinken. – Es ist zwar falsch, aber der Einfachheit halber stelle ich mir das jetzt so vor: da saßen sie also die Vorreiter der blogosphere in der blogbar und kippten sich einen in die Metaebene.. bis sie sich dann verkracht haben über irgendein Weib oder Geld.

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Hoppala, schon wieder polemisch geworden? Dabei wollt ich doch nur meine Fragmentchen in den Sand ritzen über die Illusion die Verblendung aufzuheben: dass, indem man alles einer fundamentalen Kritik unterzöge, die Herrschaft als solche erkennt und demaskiert wäre, dass man derart ausbrechen könnte aus der totalen Konvergenz, dem Immergleichen, der Täuschung, davor nur Produkt, nur konsumiert zu werden. Und es muss ja möglich sein. Selbst oder gerade im Internet.

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Zwei Beispiele noch, wie Kritik vielleicht nicht sein sollte:
1) Die „Gesellschaftskritik“ des Zeitmagazins von letzter Woche. Über die Vornamenswahl von Oliver Pocher und Ehefrau muss der arme Herr Jessen da schreiben. Nein, körperlich hätte ich das nicht durchgestanden – überhaupt ist mir dieses Hochglanzmagazinchen bestes Beispiel dafür in welch seichte, konsumorientierte, lifestyle Richtung die Zeit nicht schippern sollte.

2) Die Faz-Kritik zur „Wetten, dass..?“-Sendung vom 27.2.2010 –
Kritik, die sich damit genügt die Kinder des Boulevards, zu verunglimpfen, macht es keinen Deut besser. Niveau sollte nicht damit verwechselt werden, auf der Niveaulosigkeit anderer herumzutrampeln. Sicherlich kann man darauf verfallen und so manchem wünscht man die eigenen Paparazzis auf den Hals. Aber irgendwann sollte man doch anfangen, eigene Werte, Kritierien, Beurteilungsmaßstäbe zu entwerfen, die dem eigenen Anspruch genüge tun (man muss diese ja nicht einmal zur Diskussion stellen, obwohl ein Diskurs dieser Maßstäbe vermutlich das Interessanteste wäre). – Im vorliegenden Fall, sollte man also, da es sich um eine Unterhaltungssendung handelt, diese nach ihrem Unterhaltungswert beurteilen. Es scheint da beispielsweise als hielte der Kritiker „Action-Wetten“, bei denen mehr passiert, per se für unterhaltsamer. Dies sollte aber doch kein Michael Bay-Film und auch keine Knoff-Hoff-Show sein. Ziel ist es doch mit abstrusen Nichtigkeiten und unsinnigen Wetten zu unterhalten. Die Zuschauer scheinen zwar leider auch die spektakulären Wetten zu bevorzugen, aber ich habe mich gerade an abseitigen Augenmaß-Löcherbohren, Legolutschen und den OP-Gerätefallgeräuschen erfreut.
Beinahe würde ich mich der Spiegel-Kritik anschließen. Sie schlägt die FAZ-Kritik um Längen: sie ist, ja: unterhaltsamer, gewitzter und auch böser.

In der Kritik der FAZ werden auch die schlechten Quoten der Sendung angesprochen, jedoch kein Wort darüber verloren, dass dies auch an der möglicherweise starken Konkurrenz lag. Außerdem: Quoten was ist denn das für ein Qualitätskriterium für einen Kritiker? Es mag aber ein Hinweis sein, dass für einige Leute diese Sendung doch nicht so unterhaltsam war wie für den Kritiker des Spiegels oder auch für mich. Das ist schade, gab es doch so viele Details und Subtilitäten, über die man sich die Zeit vertreiben konnte: So hat Gottschalk bei einigen Wetten geradezu ein bisschen nachgeholfen: bei den Bohrern konnte man das Licht durchglimmen sehen, dann wurde die Wette schon als erfüllt durchgewinkt. Die OP-Gerätegeräuscherater schubste er weiter auf die richtige Fährte, als die OP-Assistentin schon das richtige Gerät nannte und er bei dieser Nennung einhakte und das Objekt ein weiteres Mal fallen ließ (und dann verzählte er sich auch noch und merkte nicht, als die Wette schon gewonnen war). Der Spannung hätte es vielleicht gut getan, wenn auch mal eine Wette daneben gegangen wäre. Aber Gottschalks gute Laune und sein Wille zum allgemeinen Konsens wollte wohl alle gewinnen sehen (suchte er nicht deswegen bei verschiedenen Wetten auch öfter einfachere Objekte aus?) – Dann die Interaktion des Moderatorduos: War es nicht erheiternd, wie Gottschalk pampig reagierte, wenn ihm fortwährend die technischen Details erklärt wurden; wie er die Legofigur anzureichen habe, usw. Sagte er da nicht auch irgendwann: dass er das jetzt schon zwanzig Jahre mache und wüsste wie das ginge? (..und noch dazu einem Mann, dem muss frau so etwas doch nicht erklären?)

Dies soll als Beispiel gereichen: Sie sehen, diese „aktionsarme“, möglicherweise sogar etwas flaue Sendung bietet vielfältige Reflektionsmöglichkeiten, die selbst das Schauen erträglich oder unterhaltsam gestalten können.

Aber so wortreich, über Nichtigkeiten. Wie konnte es so weit kommen, dass ich hier Gottschalk verteidige?

Zurück zum Sandkasten. Wo ist die Schildkröte? Wo kommt sie angekrochen? Ach, wie schön wäre das: „Nene, soviel Sand, und..“

So wie mir klar wird, sollte ich mich doch auf mein Steckenpferd die Wissenschaft (und deren Kritik) verlegen es sich herauskristallisiert sollte das Thema dieses Blog vielleicht die Technologiekritik sein (auch wenn ich für dieses Unternehmen noch nicht ausreichend gewappnet mich fühle). Zu „Der Mensch und die naturwissenschaftliche Erkenntnis“ von W. Heitler dann demnächst mehr.

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* Olivier Pellaca, private communications, unpublished.

Zusätzliches zur Schildkröte:

And now a light truck approached, and as it came near, the driver saw the turtle and swerved to hit it. His front wheel struck the edge of the shell, flipped the turtle like a tiddly-wink, spun it like a coin, and rolled it off the highway. The truck went back to its course along the right side. Lying on its back, the turtle was tight in its shell for a long time. But at last its legs waved in the air, reaching for something to pull it over. Its front foot caught a piece of quartz and little by little the shell pulled over and flopped upright. The wild oat head fell out and three of the spearhead seeds stuck in the ground. And as the turtle crawled on down the embankment, its shell dragged dirt over the seeds. The turtle entered a dust road and jerked itself along, drawing a wavy shallow trench in the dust with its shell. The old humorous eyes looked ahead, and the horny beak opened a little. His yellow toe nails slipped a fraction in the dust.
John Steinbeck, Grapes of wrath

Auch wenn ich meinen Witz nicht erzählt habe. So würden die anderen es machen?
Blogger erzälh’n nen Witz