Spiegel-Schreiber im schnöden Schmähungswahn – Fast ein Spiegelartikel

von phorkyas

von Lafcadio

Die anderen sind doof. Fast. Ein Spiegelartikel sollte vernichtet werden, allerdings dekonstruiert sich dieses Ansinnen schon aus dem Grund, dass der betreffende Artikel gut genug war zur Provokation.

Das Maß ist voll. Wieder einer dieser überflüssigen Schmähkritiken im (Uni-)Spiegel, in der die Generation Lebenslauf, Praktikum, XYZ in Grund und Boden geschrieben werden soll. Was soll das? Polarisieren und provozieren? Mit neuen Ideen oder gar Lösungsansätzen wartet der Text jedenfalls nicht auf. Stattdessen scheint der meiste Gehirnschmalz in eine möglichst wortreiche Diffamierung der jungen Studenten gegangen zu sein.

Es ist ein großes Wortfeld, das der Autor da beackert, um uns die Stromlinienförmigkeit und Angepasstheit, der von ihm konstruierten „Generation Lebenslauf“ vor Augen zu führen. Was auchl Anforderungsprofil der Personalagenturen sein könnte, wird nun negativ gewendet, dass es schon zur Anklage gereicht: Mehrfach wird da „effizient“ „perfektioniert“, und dann noch „pragmatisch“ zu Werke gegangen, „straff“, stur und strategisch“ – mit Alliterationen nicht sparen. Was die Studenten lernen ist nur noch „reproduzierbar[es]“ „Mainstream-Wissen“, „Ausbildungskanon“, „Muster“, „Schema“, „Rezept“ und das alles möglichst im „Turbo-“ und „Rekordtempo“. ¡Qué horror! Als diente nicht seit jeher ein jedes Studium nur dazu die jeweiligen Begriffe und Regeln der Symbolmanipulation zu erlernen? –

Aber wer hat denn diese schöne neue Welt heraufbeschworen? Existiert sie denn auch außerhalb der verdüsterten Vorstellungswelt des Autors? Und wenn ja, soll man die Kinder oder Studenten für die Welt verantwortlich machen, in die sie hineingeboren werden? Der Autor ist sich da jedenfalls sicher, denn „der eigentliche Mentalitätswandel [habe] in den Köpfen statt[gefunden]. Viele Studenten [habe] man nicht zwingen müssen: Ergeben, bisweilen gar freudig [hätten] sie die neueren, strengeren Bachelor-Strukturen an[genommen].“ Das mag sein Eindruck sein und wie mehrfach, wenn er uns einfach eine Behauptung unterschiebt, zitiert er irgendeine Untersuchung, die in diesem Falle belegen soll, wie zufrieden die Studenten mit dem Bachelor-Master-System seien. Deswegen haben sie ja auch protestiert – allerdings nur mit lichten Reihen und nicht gegen die Reform selbst, sondern die Umsetzungsmängel, wie der Autor weiß. Indes wozu wieder Zahlen und Ziffern? Sind es nicht genau jene Punkte und Nummern, nach denen so trefflich das Bildungssystem zu jener Paukmühle optimiert wird, die der Autor beklagt? Werden nicht von den betreffenden Institutionen die passgenauen Studien aufgegeben oder Rankings erstellt und prominent platziert (z.B. Zeit, Unispiegel etc.) .

Wie aber wäre es stattdessem mit einem „good old-fashioned Gespräch“ mit den Betroffenen, den Studenten also, die unter ihrem „Workload“ ächzen? Vielleicht ist ihnen ja klar wie unsinnig diese Jagd nach „Credits“ ist, das Überbelegen von Kursen zum Bessern der Note. Vom „Jetzt-Studenten“ weiß der Autor jedoch, dass dieser „Studieren [nur] als Job betrachtet“ und auch „verzichtet auf intellektuelles Sich-Ausprobieren und Weltverbessern“. Als Beleg figuriert im Hintergrund wohl wieder eine Studie, derzufolge „Bologna nachweisbar die Zeit und Lust für außeruniversitäres Engagement und Auslandsjahr geschmälert haben“ (Hervorhebung von mir). Das außeruniversitäre Engagement, zu dem jetzt keine Zeit mehr bleibt, dient ja aber heutzutage auch nur noch zur Aufhübschung oder Optimierung der Lebensläufe. Wie man’s dreht und wendet: Der heutige Student, er macht’s verkehrt.

Der Typus wird anhand eines Exemplars verdeutlicht, vorgeführt und vernichtet. Anna-Lena soll sie heißen und wird auch zu Beginn gleich ein bisschen verunglimpft, weil sie zu gut aussieht; „wie ein Fotomodell, das die perfekte Bewerberin darstellen soll“. Das Äußere dient mal wieder zur Darstellung des (kaum noch vorhandenen) Inneren: ihr Hobby sei Ballett, „bei dem der Körper in wunderschöne, irgendwie unnatürliche Verrenkungen gezwungen wird“.

Diese Entpersönlichung und Deformation des Angepassten war auch Thema des Spiegelartikels über Mißfelder (s.a. hier im Blog). Dieser Artikel nahm sich vor, ein Bild der neuen Politikergeneration zu zeichnen. Dort wurde das exquisite Exemplar gar in eine Raumkapsel gesetzt, so als wolle man das Alien zurück ins All befördern. Mißfelders Selbstironie wurde als ätzend oder misstönend gekennzeichnet. Auch hier wird Anna-Lena eine aufrichtige Selbstkritik nicht zugestanden: Als sie die Ichbezogenheit und Strebsamkeit der eigenen Generation tadelt und fragt, wie das Arbeitspensum noch zu steigern sei, schaut sie „ironisch [..] auf ihre schmale Festina-Uhr, als sei es deren Schuld, dass der Tag nur 24 Stunden hat“.

Auch dieser Text ist eine Hinrichtung, eine Verhandlung oder Argumentation findet nicht statt; das Urteil steht schon fest. Bezeichnenderweise sieht sie, von Fragen im Bewerbungsgespräch überfordert, aus wie „ein waidwundes Reh“. Der finale Schuß dann am Ende: „Attraktivität auf dem Arbeitsmarkt hat weniger mit Qualifikation zu tun als mit Identität und Selbstbewusstsein. Eine schlechte Nachricht für die Anna-Lenas.“

Es mag ja einem Autor zugestanden sein zu verdichten, zu überhöhen, auch zu verkürzen, es auf einen Punkt zu brigen, das ist ja seine Aufgabe. Aber diese Orientierung an Äußerlichkeiten, der unbedingte Wille, das Bild zu bestätigen und auszumalen, was vorgefunden werden wollte. Wer will denn auf Dauer solch einfache Texte lesen: die Überschrift – am besten gleich mit Alliteration – gibt schon den Tenor vor, drei Sätze Zusammenfassung sagen es schon, aber der Text stapft stumpf und gerade dieser einen hohlen Formel nach, schnurstracks in der geistigen Einbahnstraße, keine Zeit für einen Seitenblick, einen Umweg, einen Gedanken. Es zählt nur Eindeutigkeit und Tendenz.

Als Artikel ist diese Einseitigkeit schon schwer erträglich, wie erst würde die Wirkung sein, wenn man sich dem Buch aussetzte. Ach, es gibt doch kaum etwas Dümmeres als Bücher über die Dummheit der anderen (z.B. „Generation doof – Wie blöd sind wir eigentlich“, „Seichtgebiete – Warum wir hemmungslos verblöden“). Wer könnte so blöd sein, ein solches Werk voll durchzustehen, ohne vollkommen zu verblöden? Es ist nicht nur eine Beleidigung des Intellekts der Leser, solche Bücher grenzen an Körperverletzung.

Was hat der Autor denn als positives Gegenbild zu dieser glattgeschliffenen Generation in peto? Die ach so kantigen, individuellen Charaktere seiner Generation? Leute, die auch „Wege aus Sackgassen finden“, die auch einmal „Kreuzungen“ und „Umleitungen“ wählen, die da sind: „kreativ“, „unorthodox“ und „innovativ“. Welch, äh.. kreativer Gedanke! Noch ein paar Schlagwörter gefällig? Was für ein ungewöhnlicher Einfall des Uni-Präsidenten Jansen eine Powerpointpräsentation zur allerausgelutschtesten „Synergie“ erstellen zu lassen. „Vernetztes“, gar „komplexes“ Denken, wird dann vom Autor gefordert. Fast möchte man die Schilderung der vermassten, angepassten Generation für möglich halten, wenn sie solche Erzieher hat.

Vielleicht erzürnt es mich auch nur deshalb so sehr: weil diese berufsmäßigen Satzschnizter doch endlich mal etwas Neues in ihr Schnitzholz ritzen könnten. Sind sie nicht zu weit Höherem berufen, weil unser aller Demokratie am Schreibtropf ihrer Systemrelevanz hängt. Wie wohltuend wäre es diese Edelfedern fänden einen neuen Ton. Stattdessen immer nur das alte Lied: Wahrscheinlich beklagt man sich schon seit der organisierten Form der Erziehung über den Verfall der Jugend, seit der Gründung der ersten Sprachgesellschaften geht die deutsche Sprache schon zu Grunde. Mag das Biest doch endlich abkratzen und die Welt im Chaos versinken, nur dass dieses Gesabbel endlich erstürbe!

So sehr meine Polemik das auch zu übertünchen sucht; ich stimme Herrn Werle leider in Vielem zu. Wäre der einzige Inhalt dieses Artikels also die Methode und Metaphern des Artikel gegen ihn selbst zu wenden (und auch die Alliteration nicht auslassen!), dann wäre die Polemik nur wütender Wortschaum, was sie ist. Herr Werles Artikel jedoch hat einen Inhalt und er trifft genau genug, um wütende Kommentare zu provozieren. Was also kann ich da anfügen?

Ach, auch egal.
Da der Text nun ohnehin zu lang ist genüge hier nur das „Faktorsche Gesetz“:
„Jede neue Generation gibt der Welt das Gefühl der Normalität zurück.“
(Aus einem lesenswerten Kommentar von „ben_“ im „wirren net“)