Philosophie in Echtzeit

von phorkyas

Der sinnlosen Jubiläen gibt es ja genug, doch dieses eine hätte ich gerne gesehen: 10 Jahre Sloterdijk-Debatte und so klug als wie zuvor! Dabei hat sich einer viel Arbeit gemacht. Heinz-Ulrich Nennen hat eine umfassende Chronik dieses Streitfalles verfasst, die in Teilen auch auf google-books einzusehen ist.

Auch wenn ich jedem empfehle, sich dieses Werk selbst zu Gemüte zu führen, wage ich den Versuch einer weiteren Schiffbruchsrezension.

I Metaphorologie und Kunst des Zuschauers

Im ersten Teil reißt Nennen bereits die Grundmotive an, die seine Chronik bestimmten werden: Er möchte sie aus der Sicht eines phänomenologischen Betrachters geschrieben wissen, in dessem unvoreingenommenen Geiste eine Reinszenierung der Geschehnisse stattfinden soll. Das Ergebnis dieser Reise soll offen gehalten werden, denn, in den Worten Hans Blumenbergs,

[d]as Problematische aller Formen absoluter Überzeugtheit ist ihre argumentative Unzugänglichkeit [..] Das Absolute und die Überzeugung muß auf Distanz gehalten werden solange es nur geht!

Besonderes Augenmerk soll dabei gelegt werden auf die Metaphern, die diese Debatte unterlegen. Er zitiert Blumenbergs Beispiel eines Abgeordneten, der bei seiner Rede mit dem Bild vom Staat als Schiff Schiffbruch erleidet, als ihm die Kontrolle über das Metapher entgleitet und es nun gegen ihn gewendet wird (natürlich war bei den Zwischenrufen, die dazu führten, Herbert Wehner beteiligt). Die entscheidende Hintergrundmetapher sieht Nennen im „Buch der Natur“, das zu entziffern, lesen und zu verstehen sich die Naturwissenschaften vorgenommen hätten. Die moderne Biologie nun verbuche für sich die „Entzifferung des genetischen Codes“ und über den fortlaufenden Gebrauch dieser Wendung wird schließlich einfach akzeptiert, was sie in Aussicht stellt. Nennen arbeitet sich jedoch zunächst noch an der Geschichte der Metapher ab, der Emanzipation des Menschen von der Natur, der schließlich sich dazu aufschwingen könnte, das Buch auf seine eigene Weise fortzuschreiben.
(Schon hier habe ich mich zu weit vom Text entfernt, aber es ist sehr schwierig, weil schon auf den ersten vierzig Seiten eigentlich alles auftaucht.. und auch schon so komplex ist, dass man eigentlich zu jedem Stichpunkt einen Absatz verfassen müsste.. Demnächst werde ich mich aber wieder daran wagen..)

Bis auf Weiteres schaffe ich es wohl nicht diesen Artikel zu schreiben, daher nur die Auflistung des Autors der Punkte, die es systematisch zu thematisieren gelte:

– Die Metapher vom Buch der Natur und ihre Funktion sowohl für die Kritik als auch für die Gegenkritik in den Plädoyers, sowohl für als auch gegen die neuen Biotechniken.
– Fragen der Metaphorologie, die Probleme der metaphorischen Rede, die Eigendynamik von Metaphern und die Mißverständnisse bei der Ironie.
– Die Metapher vom Schiffbruch als Hintergrundfigur für die Eigendynamik und das Wagnis beim Einsatz von Metaphern.
– Das Problem der Theodizee und der Übergang der Klage gegen den Demiurgen als Anklage gegen den Menschen, die Ablösung der Theodizee durch die Anthropodizee.
– Die Probleme der Technikfolgenabschätzung im Spektrum zwischen Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Öffentlichkeit, sowie die besonderen Verhältnisse bei den neuen Technologien.
– Fragen der Alltagsvernunft, der Moaralität und der Ethik, sowie ihr Verhältnis zu Begründungsfiguren, die nicht selbst generiert werden, sondern entlehnt sind.
– Anthropologie als Krisenphänomen und ihre Funktion als übergreifender Diskurs gegen eine neuerliche szientistische Verdinglichung des Menschen.
– Die Kunst des Zuschauers und die Pathologie des Diksurse.
– Die Probleme einer Theorie idealer Diksurse und der Eigendynamik realer öffentlicher Auseinadersetzungen im Zuge allgemein umstrittener Innovationsprozesse.

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