„Deutsche Filme sind naiv.“

von phorkyas

Was an dem Urteil, dass deutsche Filme naiv seien, hat mich so aufgeregt? Dass es abwertend gemeint war, dass es alles über einen Kamm schert, dass es seinerseits naiv ist, dass man ebenso sagen könnte: Hollywood ist Scheiße und hätte in beiden Fällen gleich recht und unrecht? Vielleicht hilft es ein kleines Streitgespräch zu Inszenieren, um zu ergründen, worum es denn gehen könnte.

Idiot: ich
andere: andere

Idiot: „Sollten wir nicht zuerst definieren, was das sei: naiv?“
Freund: „Als naiv bezeichnen wir wohl gemeinhin eine Sichtweise, die ihre eigene Begrenztheit nicht in Sicht hat.“
anderer Freund: „So könnte man es wohl sagen. Wenn du nun sagtest, dass der deutsche Film naiv sei, so soll das wohl heißen, dass deutsche Produktionen in ihrer Art und Weise, der Wahl ihrer Mittel und so weiter beschränkt sind, diese Beschränktheit aber nicht bemerken? Wäre dann nicht das spezifisch Deutsche, die Art und Weise der Beschränkheit zu bestimmen, die bei dir dieses Gefühl der Peinlichkeit hervorrief?“
erster Freund: „Nö. Es reicht wohl einige Filme nur sich anzuschauen, um jene Eigenart zu erfassen… Oder meinst du gar Naivität könnte mir wiederum zur Last gelegen werden, weil mein Urteil einem Schnellschuss gleiche, bloß einer gefühlsmäßigen Äußerung?“
Idiot: „Da es sich um ästhetisches Urteil handelt, ist dir wohl kaum der Vorwurf der Voreiligkeit zu machen. Ich hörte während des Films auch meinen Sitznachbarn verächtlich die Luft ausstoßen. Und der Diskussion nach seid ihr nicht die einzigen, die diesem Urteil zuneigen. So überlegte ich wohl während des Films, was so störend sei.“
zweiter Freund: „Und hast du sie bemerkt die ganzen unsäglichen Klischees?“
Idiot: „Sie habe ich wohl bemerkt, aber sie reichen mir nicht solch starke Ablehnung zu begründen. So schob ich es vorläufig auf das subjektive Moment, wie sehr die Stimmung beeinflusst, wie man den Film aufnimmt. So schauten wir doch gestern noch einen Film, dessen Hauptfiguren auch nur Typen waren und die ganze Handlung ebenfalls nach drei Sekunden klar war.“
erster Freund: „Mag wohl sein. Aber es kommt bei den Klischees auf den Geschmack an. Nimmt man lieber Vorlieb mit dem europäischen, den amerikanischen, den indischen usw.? Du kannst jetzt alles über einen Kamm scheren und sagen, sie seien alle gleich dumm..“
zweiter Freund: „Aber dann kannst du dir gleich irgendwelche dieser Pseudo-Kunstfilme anschauen, die in ihrer Unverständlichkeit noch das allerschlimmste Kunstklischee erfüllen.“
dritter Freund: „Zielt das auf die Koryphäen? Möcht’st wohl gerne eine schlachten? Vielleicht ist Kubrick überschätzt, na und? Musst du aber nicht zugeben, dass es wohltuend wäre in dieser Masse von Nicht-Können und Nicht-Wollen, in dem noch die nichtigste und blödeste Komödie ihre Zweit- und Drittfortsetzung erfährt, in diesem vor Dummheit und Einfallslosigkeit strotzende Programm der Multiplexe, dass man sich sich da nicht manchmal einen solchen kleinen Film wünscht, einen der einmal etwas Neues wagt, der höher zielt, wenn er auch scheitert?“
erster Freund: „Ein frommer Wunsch; dieser Traum von der kleinen, cineastischen Perle. Aber verkennst du so nicht, dass wir die Klassiker als Orientierungspunkte brauchen. Bilden wir denn nicht unseren Geschmack an den Filmen, die mal erfolgreich waren oder durch Kritiken, Kult oder Rat eines Freundes den Weg zu uns fanden?“
Idiot (zur Seite): „Und wieviel günstiger hat es da der noch junge Film gegenüber der Literatur, die ihre Werke begräbt unter jahrhundertdickem Lob, schließlich so verfestigt und verewigt, dass kein Widerspruch, kein Zweifel mehr zugelassen wird daran, bis das Werk endlich erstickt und mundtot gemacht worden ist..“
erster Freund: „Schmock. Es scheint, wir haben die eigene Begrenzung nicht mehr in Sicht und sind baden gegangen.“
Idiot: „Aber es hat gewirkt. Der Ärger ist verflogen, als die Gedanken sich verirrten.“
zweiter Freund: „So ist der Frieden wieder geschlossen? Oder geht es in die nächste Runde?“
erster Freund: „Vermutlich hat es dich nur gekränkt, dass dein Film keinen Anklang fand. Es ist doch bemerkenswert, wie sehr wir Zuspruch suchen für das eigene Urteil, dass es uns enttäuscht oder gar beleidigt, wenn wir keine Mitstreiter finden.“
Idiot: „Vermutlich. Nur im Vergleich der beiden Filme, fand ich es schon ein bisschen unverhältnismäßig. Immerhin hätte man deine Feststellung, dass in der norwegischen Komödie, einfach nur nette Menschen unterwegs gewesen seien, auch als Seichtheit auslegen können. Der deutsche Film ist naiv, aber neue amerikanische Screwballkomödien, wie America’s Sweethearts, sind toll?“
dritter Freund: „Geht’s also endlich rund? Aber wie soll man auf dieses Eingedresche noch reagieren?“
erster Freund: „Tja, ein Tiefschlag. Seine kleinen Schwächen hat jeder, ist das ein Argument gegen meine Aussage?“
zweiter Freund: „Lasst mal die dummen Scharmützel! Es wäre doch schön gewesen, zu untersuchen, ob man die Unterschiede von amerikanischem und europäischem oder auch nur deutschem Film wenigstens in ihren Klischees bestimmen könnte.“
dritter Freund. „Wäre das nicht furchtbar unergiebig? Vielleicht hängt es ja auch nur an der Zeit, in der man einen Film sieht, oder ein Buch liest. So fand ich als Kind zum Beispiel den Film Jenseits der Stille sehr gut, während mich beim heutigen Schauen schon ein paar Dinge stören. Dieses Großstadt-, Berlin-Klischee zum Beispiel. Oder der Typ, in den das Mädchen sich verliebt, der kam mir doch äußerst oberflächlich, ja sogar egoistisch vor und gab nur Platitüden von sich, obwohl er doch offensichtlich eine positive Figur sein soll? Auch die Künstler gehen mir auf den Senkel, in ihrem neueren Film Im Winter ein Jahr zum Beispiel.“
zweiter Freund: „Aber diese Gestalt ist doch noch um ein vieles Mal erträglicher als beispielsweise die Bohème in Das Leben der Anderen. Vielleicht habe ich beim zweiten Sehen einige Eigenschaften des Regisseurs zu sehr in die Hauptperson projiziert und mich so ein wenig an dem ‚bourgeoisen‘ Kunstverständnis gerieben.
erster Freund: „Aber dabei sind das noch Filme, die wir sehr schätzen. Welcher Film ist schon frei von Makeln oder Klischees?“
dritter Freund: „Bevor ich hier noch zum besten gebe, wie präzise und ironisch sich da Martina Gedecks Urteil ausnimmt, hier besser:

Ende –
offen“