Der kleine Beobachter

von phorkyas

Gesucht wird kein kleiner (nervender) Beobachter, auch wenn ich ihn gerne auf die Leute hetzen würde. Nein, für die vielen Debatten, Fragen und Vorkommnisse wünsche ich mir einen unbeteiligten Zuschauer, der genügend Zeit hätte alle Details aufzunehmen, ohne vorschnell ein Urteil zu fällen. So wie Nennen ihn für die Sloterdijk-Debatte einzuführen versuchte.

Diesen würde ich dann gerne ansetzen auf folgende Punkte:
– Die Frage nach dem „Neoliberalismus“. Was bezeichnet dieses Wort und existiert, was er bezeichnet? Wenn diese Vokabel nun nicht mehr den linken Verschwörungstheoretikern vorbehalten ist, was bedeutet es, wenn sie sich ihren Weg bahnt in den politischen Mainstream? usf.
– In Anschluss an die erste Frage: die Verdammung der Links-Partei als Erziehung zur Realpolitik?
– Die Diskussion um den (gescheiterten?) Besuch von Martin Sonneborn bei „Zimmer frei“ – In der Reflexion über die Zuschauererwartungen auch ob das etwas zeigt über diejenigen, die öffentlich-rechtlichen Medien favorisieren oder ablehnen?
– Die mediale Verwurstung der schwarz-gelben Koalitionsverhandlung, die ihrerseits in den Medien schon kritisiert wird
– Die Diskussion um die Hirnforschung und den freien Willen – Wiederaufnahme der Kritik Nennens bei der Gentechnikdebatte, auch die Kritik in der „Dialektik der Aufklärung“ am Primitiv-Positivismus und Szientismus? Warum lassen wir unsere Alltagsvernunft so in den Hintergrund und glauben blind einem Vulgär-Reduktionismus, der nach der Seele letztlich auch das Subjekt also uns leugnen muss? Sind die „harten Wissenschaften“ wirklich so dominant, dass die Geisteswissenschaften dem nun hinterherhinken und sich verwissenschaftlichen? Muss es zu einem Kampf der zwei Kulturen kommen?
– Ob einige Medien einem Medikament zur Linderung von Neurodermitis und einem Buch darüber zuviel Aufmerksamkeit schenkten und so unfreiwillig Werbung betrieben (weil es einfach zu gut passt, eine Meinung aufzugreifen, die angeblich unterdrückt wird, einen Underdog zu zeigen, der gegen die übergroße Macht der Pharmaindustrie kämpft?)
– Die leidige Schlammschlacht zwischen Bloggern und Qualitätsjournalisten
– Die Diskussion über das eigene Menschbild. So wie sie sich hier entfachte, ohne dass es gelang die Diskussionsstränge zusammenzuführen oder überhaupt zu ergründen, welche Sache hier gespielt wurde.
– Das Infragestellen von sinnlosen Fragekatalogen wie diesen. Läuft alles wirklich auf die Leerstelle hinaus, die eine mangelnde Anthropologie von oben hinterlässt, und uns so in Unsicherheit über unser eigenes Wesen lässt. Was ist der Mensch?
usw. usf.

Wo ist die Armada der phänomenologischen Zuschauer, wo der Diskurs über diese Dinge? Selbst bin ich ungeeignet; meine Fragen schon zeigen wie voreingenommen ich bin.. und es geriete in meinem gegenwärtigen pseudophilosophischen Duktus auch äußert widerlich.

Advertisements