Das Treibhaus

von phorkyas

Alles ist vergeblich.

Keetenheuve hat schon verloren bevor er zu kämpfen begonnen hat:

„Keetenheuve stürzte sich zunächst mit Eifer in die Arbeit der Ausschüsse, es trieb ihn, die verlorenen Jahre einzuholen, und wie in Blüte wäre er gewesen wenn er mit den Nazis marschiert wäre denn das war der Aurfbruch der verfluchte Irrbruch seiner Generation und jetzt war all sein Eifer der Verdammnis preisgegeben der Lächerlichkeit eines grau werdenenden Jünglings er war geschlagen als er anfing.“

Der Abgeordnete Keetenheuve ist ein Intellektueller mit einer Vorliebe für Baudelaire und E. E. Cummings. Er bewegt sich im Bonner Regierungsviertel, das mythologisch aufgeladen wird. Die assoziative Dichte mit der der Erzähler seine Umwelt poetisch verformend schildert in surreale Bilderwelten eintaucht, die die damalige Realität überhöhen und pointiert spiegeln, manchmal sogar die Grenze zwischen Geschehenem und der Vorstellungswelt des Protagonisten verwischen, dies wiegt alle Kleinigkeiten, die einem mißfallen könnten, mehrfach auf. Angesichts der Poetisierung, ist auch zu verstehen, warum sich Koeppen vehement gegen eine einfache Identifizierung seiner Romangestalten mit realen Figuren verwendet (vgl. auch seine dem Buch vorangestellte Erklärung, dass das politische Tagesgeschehen nur den Katalysator für die Imagination des Verfassers gebildet habe, die Wikipedia-Seite, die das Personenkabinett natürlich aufschlüsselt, und die Äußerungen Koeppens dazu in der Rezension von Gregor Keuschnig). Dem Zitat auf dem Buchrücken folgend, nach dem Koeppen selbst „ein gewandter Lügner [sei], das fordert der Beruf“, könnte man es sich tatsächlich so einfach machen, dass man die verdichtete, poetische Welt als unabhängige Konstruktion oder Lüge gelten lässt. Aber die Traumlandschaft: „Es war hier alles so unwirklich, wie die Blumen in einem Treibhaus.“ Sie speist sich aus, sie wird errichtet auf dem Material, das die Wirklichkeit gibt.

Schon 1953 sieht er sich Bilderflut und ekelerregendem Konsumismus, die uns zurückträumen lassen in die einfache, kleinstädtische Bürgeridylle oder die Bedürfnislosigkeit:
Keetenheuve Asket. Keetenheuve Jünger des Zen.
Wobei das übermäßige Denken wiederum zum Weintrinken animiert.

Keetenheuve ist keine sympathische Person. Seinen geistigen und moralischen Untiefen mag man so zwar folgen doch ein wenig aus der Distanz. Sein Gegenpart ist der konservative Korodin. – Die im Buch erste Begegnung der beiden ist psychologisch äußerst fein herausgearbeitet. – Korodins Figur ist möglicherweise etwas problematisch, da er einerseits einer gewissen Doppelmoral zuzueignen scheint, so zieht er wirtschaftlichen Vorteil aus seinem Abgeordnetensein und schenkt dem Staat nichts (Rechnung des Taxis, in dem er mit Keetenheuve fuhr), auf der anderen Seite aber überzeugter Kirchgänger zu sein scheint und Keetenheuve zu seiner Seite bekehren möchte. Zwar müssen sich diese Dinge nicht ausschließen, aber so oft wie der Bekehrungsgedanke Korodins wiederholt wird, erscheint er doch auch idealistische Züge zu haben, die ihm dann, wenn es um das Geld geht, wieder völlig abhold sind. Als Typus finde ich ihn durchaus gelungen, nur erscheint es mir in diesem Moment beinahe schon als Klischee, dass der Konservative bigott zu sein hat.

Aber was soll es bei diesem Buch das Haar in der Suppe zu suchen?
Besser selbst: Lesen!

Neben dem Zeitportrait gibt es soviele Anknüpfpunkte für eigene Reflektion: Über die Legitimation von politischer Macht, die gefährliche Ferne des Parlaments von einer (immer noch?) Masse, die immer noch nach einfachen Lösungen und einer starken Hand sucht und das Parlament als „Quasselbude“ bezeichnet (heute dann als Politikverdrossenheit? – die ich den Medien, insbesondere den Zeitungen, anlaste, die bis zur Verdrossenheit auf der Politikverdrossenheit herumreiten, es nicht schaffen, spannend über Politik zu berichten, sich stattdessen über einen bei ihnen stattfindenden langweiligen, inhaltsleeren Wahlkampf beklagen, während sie selbst lieber über Umfrageergebnisse und aktuelle Hochrechnungen berichten anstatt über Inhalte.. sinnlose, inhalstleere Zwischenbemerkung stopp)

что? ¿Qué?

Dieses Treibhaus, Buchdings lesen, auch wenn ich mit dieser Besprechung so gnadenlos gescheitert bin!

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