Zu einem Spiegelartikel (2)

von phorkyas

„Er nennt das ‚Hofschranzentum‘,
meint aber nicht sich damit.“

Kurbjuweit über Mißfelder

Es liegt allzu nahe jenes Hofschranzentum beim Verfasser beziehungsweise seinem Arbeitgeber zu suchen. Finden sich doch in der gleichen Ausgabe drei Leserbriefe zu dem Aufmacher einer vorigen Ausgabe, die Zeugnis ablegen davon, wie sehr sich der Spiegel selbst auch der Macht anbiedert. In schöner Spiegelmanier scheint schon das zum Artikel gehörige Bild das ganze Portrait über Frau Merkel zusammenzufassen. In kalte, graue Farben getaucht zeigt es die Kanzlerin samt Beleuchtungsapparatur, wie sie in einfacher, zurückhaltender Pose aus dem Fenster hoch über der Stadt blickt. So vereint das Bild Einsamkeit und Macht, menschliche Nähe und Understatement. Diesen Eindruck bestätigen die Leserbriefe dann auch völlig, wenn besonders der letzte in bestem Spiegeljargon ausruft, dass „da ein beinharter, letztlich überzeugunsloser Machtmensch derart ummenschelt, dass einem das spöttische Jungelachen auf den Lippen“ ersterbe.

Es trotzt mir schon Bewunderung ab, wie da in einem Bild oder einer Überschrift der ganze Artikel verdichtet wird, aber einen schalen Nachgeschmack hinterlässt es doch. Wer so viele Spalten Platz hat, sollte der nicht sogar Widersprüche und Brüche zulassen, um Themen in seiner ganzen Fülle darzustellen, anstatt alles der Homogenität und eindeutigen Linie unterzuordnen? Ist dies die einzige Möglichkeit Schlagkraft zu entfalten?

Aber es reicht. Es widert mich an. Was soll das ganze Rumkritteln und Schwafeln? Das einzige freie und unabhängige Printmedium Deutschlands hat doch jüngst seinen Kommentar zum Artikel online gestellt. Und überhaupt: An den Etablierten zu kritteln, spiegelt das nicht nur den Wunsch, ebenfalls dort zu stehen? Wer immer strebend fleißig blogt,// der wird vielleicht gelesen. Ordentlich auf andere Blogs verlinken, ein paar obligatorisch-ornamentale Bildungsbürgerhäppchen, markige Sprüche klopfen, wie diesen, und hoffen dass der ein oder andere Leser sich hier hin verirrt und nicht gleich in die Flucht geschlagen wird von Chaos und Tristesse. Ach, wie verdrießlich und vergeblich doch alles Medienschaffen ist. Wären die Medien doch tot und alles zappenduster. „Mein Kummer is my castle“. Aber weder in Türmen noch Burgen sollte man sich sicher fühlen. Wenn wir beginnen es uns behaglich einzurichten mit uns selbst und uns selbstgefällig zurückzulehnen, dann ist unsere Produktion schon korrumpiert. Wir sind unser größter Feind.

Was aber sollen wir suchen? Die Hände in den Schoß legen und auf die uns anfallende Wahrheit warten; einen plötzlich sich selbst erhellenden Einklang von Wort und Sinn? „Sie wollen aber doch nicht die Musik nicht nur auf den in sich ruhenden Klang reduzieren? In diesem Fall genügte ein einziger Akkord: ein reiner, ausgehaltener Dreiklang.“ (Andre Gide „Die Falschmünzer“) Nein, als Antwort auf die allgegenwärtige Kakophonie der Einheitlichkeit kann dieser Text wohl nur ausklingen in der völligen Sinnlosigkeit einer assoziativen Assonanz…

(phor)

Advertisements