Der Schattenspender

von phorkyas

Vor ein paar Wochen las ich im Spiegel Nr. 22 den Artikel über Herrn Mißfelder, den „Schattenmann“. Die Lust mit der Herr Kurbjuweit da polemisierte und vom Leder zog war schon eine reine Freude. Allerdings blieb ein etwas schaler Nachgeschmack oder wie andere befanden: ein leichtes „Unbehagen bei der Hinrichtung“,

Die Grundsituation des Herrn Mißfelder wird im Artikel geschildert als ein Schwanken zwischen Unterwerfung und Auflehnung, wobei die Auflehnung ihm nur in sublimierter Form zugestanden wird. Überhaupt wird der „Mensch in der Politik“ als ein völlig deformiertes Subjekt konstruiert. Schon die erste Szene, die Herr Kurbjuweit beschreibt, zeigt die Schlagrichtung an. Zwei Politiker lachen Tränen über ihre hilflose Vorgesetzte. Zwar gibt er diesem Lachen etwas Befreiendes, doch kehrt er es schon hier in Deformation. Das Nachäffen wird zum „Krähen“ und die Gesichter sind „alterslos in fröhlicher Verzerrung“.

Es geht um die Zeichnung und Destruktion eines Typus. Dazu muss dem Publikum ein aufgespießtes Exemplar vorgeführt werden. Jede Beschreibung Mißfelders bekommt eine Spitze, süffisante Note oder Unterstellung. Fragen kündigen schon den Verriss an, den Vorwurf: „Was macht das mit einem Menschen?“. Manchmal sind es subjektive Eindrücke, bei denen der Autor noch damit ringt, Worte für sein Unbehagen zu finden. So wird Mißfelders Grinsen beschrieben als eines, dass „irgendwie steckenbleibt, sich nicht rundet, sondern unvermittelt in eine harte lauernde Miene übergeht“. Der Spott, den Mißfelder auch über sich selbst ergießt wird so in Richtung Deformation getrieben. Jeder Natürlichkeit enthebt Kurbjuweit sein Angriffsobjekt aber schließlich, als er es als „Major Tom“ in seine „Raumkapsel“ setzt oder als König bezeichnet, „der mit seinem Narren verwachsen“ sei. Gewissermaßen als Gegenakkord und zur Unterstreichung der Faktizität des Berichtes mischt er bei: die Art des Frühstücks, Uhrzeit, Ort und Gewicht des Gegenübers.

Bei dem „großen, inneren Kampf“, den zu schildern er sich vorgenommen hat, lässt der Autor Gefühle seines Sezierobjektes jedoch außen vor. Als er von den beiden Fehltritten Mißfelders berichtet, werden die Morddrohungen zu einer normalen Begleiterscheinung. Wie aber auch sollte er von dem Innenleben einer Person berichten, der er keines zuerkennt? Ja, nach dem „Aufstand der Altenrepublik“ und der Verfolgung durch das WDR wirft Kurbjuweit ihm sogar Feigheit vor; er habe nichts unternommen gegen die Außerkraftsetzung des demographischen Faktors bei der Rentenformel: „Jens Spahn [..] hat stattdessen den Protest gewagt. Nun bekam er die Morddrohungen.“ So zynisch ist vermutlich nicht einmal des Autors spöttischer Dämon. Und das süffisante Grinsen Mißfelders bei einer Diskussion mit einer alten Dame, wie sie es ablichten, ist wohl gering gegen das „Prothesenlachen [und] Grienen“.

Gerne würde ich dieses mühselige sich Abarbeiten am Text im Stile eines Abiturtextes hinter mir lassen,.. aber welche Stereotypen finden sich, wenn er die Schnelligkeit und Masse der Kommunikation geißelt: „Er kommuniziert über Telefon, SMS, Twitter, E-mail, Facebook, StudiVz et cetera“. Ständig reitet Kurbjuweit auf der Vielzahl der Handys herum und dass „[d]a das Handy ständig vibriert, die Zeit [fehlt] zur Besinnung, zum Nachdenken, Politik wird zum Minutenereignis.“ Was ist dem entgegenzusetzen? „Wer viel weiß, neigt zu Überzeugungen, zu Festlegungen, zu Worten mit Anspruch auf Gültigkeit.“

Zonk! Da sollte ich es mir sparen, zurückzublaffen und die komplette, beschränkte Bildungsbürgerbagage zu beschimpfen, zu lästern über diese Glühwürmchengeister, die sich als Geistesaristrokraten gerieren und den Untergang des Abendlandes rauf- und runterschrammeln, dass einem ganz schlecht wird von der inzestuös-stickigen Luft, die einem aus den Feuilletons entgegenschlägt. Ja, dass es endlich ende! Wieviel freundlicher ist da doch das Nichts, die schamlose Inhaltsleere eines Phillip Mißfelder! Aber schon zahle ich mit gleicher Münze heim und gerate in das seichte Fahrwasser dieser trostlos Debatten über Internet und Qualitätsmedien: Ich hab ka Lust!

(phor)