Lafcadios Go-Ecke

Mai 25, 2012

Das lange Interview zum kurzen Abschied (von il Dottore Schein)

Einsortiert unter: Blogverbot, Taschenphilosoph — phorkyas @ 1:59 nachmittags

André Müller: Interview mit einem Avatar

Beginnen wir mit dem Absterben der Blogs. Gerade morgen soll wieder eines aus Ihrem Blogroll deaktiviert werden. Ein Blogger mit dem Pseudonym Gregor Keuschnig meinte schon, er würde später als Letzter noch das Licht ausmachen.

Phorkyas: Ja, es scheinen teilweise schon Wellen der Blogmelancholie oder -tristesse durchs Netz zu schwappen. Einige Blogs haben dann nur noch tröpfelweise Beiträge bis sie ganz versiegen.

Ihre Postings sind ja auch fast eher sproradisch. Und mit dem Aussteigen haben Sie auch schon mehrfach geliebäugelt, wenn ich das richtig gelesen habe.

Phorkyas: Ja. Ich wollte schon Aussteigerprogramme initiieren. Eine Prämie für jeden Blogger, der aufhört und was Sinnvolles macht.

Bloggen ist nicht nur kostenlos, sondern meist auch völlig umsonst?

Phorkyas: Der Frust ist manchmal schon ziemlich groß. Ein Kollege brachte es auf den Punkt: Es fehlt das Publikum. Er fühle sich wie Thomas Gottschalk bei der ARD. Wie Harald Schmidt nach seiner Rückkehr zu SAT.1! Schreibende und Lesende sind meistens eins. Eine kleine Gruppe, eine Handvoll Leute. Während “draußen” irgendwelche Shitstorms über Sarah Kuttner fegen.

So etwas verfolgen Sie?

Phorkyas: Nein, ich kann mich dazu eigentlich nicht äußern. Da bin ich mehr Phänomenologe des Zeitgeistes oder whatever. Es ekelt mich auch geradezu an, wenn ich mich mit ins Kommentargewühl stürze und an mir selbst die gleichen Reiz-Reaktionsschemata feststelle, die gleichen Empfindlichkeiten und Selbstüberhebungen.

Womit wir vielleicht noch einmal zum Dottore Schein zurückkehren könnten. Glauben Sie, dass es bei ihm eine ähnliche Übersättigung, ein ähnlicher Ekel sein könnte, der das Abschalten seines Blogs hervorrief?

Phorkyas: So könnte man mutmaßen. Ich weiß es nicht. Irgendwann dreht man sich nur noch im Kreis in seinem digitalen Laufrad. Spuckt die gleichen Links und Assoziationsbruchstücke heraus. Vielleicht sollte ich da aber eher für mich selbst sprechen. Also das ist eines meiner Probleme. Hinter den kurzen Einwürfen des Dottore habe ich aber auch immer einen kritischen, widerspruchslustigen Geist gespürt. Unruhe, die ihn antreibt und dann vielleicht auch hinaustrieb aus unserer digitalen Wüste, in der dann bald nur noch die kybernetischen Maschinen miteinander sprechen werden.

Sie meinen, wenn Programme Artikel schreiben werden, auf Klickzahlen optimieren und Kommentare verfassen? – aber doch eigentlich dies das Traurige schon gar nicht mehr ist, sondern davor, wenn der Mensch sich schon zur behavouristischen Input-Output Black-Box degradiert hat, zum Datendurchschleuser.

Phorkyas: Exacto.

Nun, verlieren wir uns nicht zu sehr ins Allgemeine. Da sind noch andere Dinge, die ich gerne besprechen würde.

Phorkyas: So lange es nicht Ihre zerquälte Metaphysik ist. Gerne.

Nein, die nun gar nicht. Ich würde gerne über Sie sprechen.

Phorkyas: Ja, hmm. Da weiß ich nicht. Also ich bin 29, Absolvent einer sogenannten Elite-Uni, aber die Wirtschaft will mich nicht oder ich will sie nicht, hab ich noch nicht so richtig herausgefunden. Was wollen Sie noch mehr?.. Ich mag es nicht, wenn man mir so auf die Pelle rückt, wissen Sie.

Kann ich nur zu gut nachvollziehen, aber es geht auch nicht, darum private Details aus Ihnen herauszuquetschen. Bei Ihren Einträgen zum Konfliktfeld Religion und Wissenschaft sind Sie bei Kuhn auf dieses schöne Wort “Verheißung” gestoßen.

Phorkyas: Kommen Sie also doch wieder mit Metaphysik?

Warten Sie doch erst einmal ab. Kuhn behauptete, glaube ich, dass auch die Wissenschaften voll von diesen Verheißungen seien. Er bezog es z.B. auf die Verheißung neuer Daten. Ein neues Paradigma, das würde eben oft neue Messungen erlauben oder die alten neu interpretieren. Und man sieht das ja auch bei den großen Forschungsprogrammen, bei denen da das Blaue vom Himmel heruntergepredigt wird: Supraleiter bei Raumtemperatur, Quantencomputer als Desktoprechner. Dieser Fortschrittsglaube ist das nicht auch Verheißung?

Phorkyas: Ja, kann sein.

Und sind die meisten Dinge nicht genauso unrealitstisch oder fern wie das jüngste Gericht, das Jenseits?

Phorkyas: Naja, manches ist ja schon ein bisschen konkreter.

Ja, aber so etwas, wie das Energieproblem oder den Klimawandel. Die Welternährung usw. Diese Dinge wird man doch wohl kaum mit ein paar Differentialgleichungen oder Rechenclustern knacken.

Phorkyas: Und wie dann?

Na, wenn ich das wüsste dann säße ich nicht hier.

Phorkyas (lachend): Ja, die Geheimdienste hätten sich Ihrer schon angenommen.

Aber jetzt bin ich etwas abgekommen. “Verheißungen”.

Phorkyas: Ja, das Thema gefällt mir schon. Sonst hätte ich Ihnen wahrscheinlich die Eingebung auch nicht eingegeben. Der Mensch hält es wohl gar nicht aus ohne Verheißungen.

Genau. Schon diese kleinen Dinge, Symbole. Bei diesem Wetter: die Verheißung auf ein Eis oder kühles Bier. Während der Arbeitswoche: das Wochenende. Die Verheißung auf ein neues Internetspielzeuggerät, eine neue Software. Das mögen nur so kleine symbolische Aufladungen sein, aber die Etablierung, der wirtschaftliche Erfolg eines Produktes hängt wohl davon ab, dass sie für eine genügend große Anzahl von Leuten funktioniert.

Phorkyas: Sie sind ein wahrer Taschenphilosoph. Wollen Sie nicht dieses Blog hier übernehmen?

(lachend) Aber ich bin doch schon tot.

Phorkyas: Ja, schade.

Warten Sie ich muss das Tonband einmal wechseln.

Phorkyas: Da habe ich ja Glück gehabt. Da sage ich einmal etwas halbwegs Intelligentes und dann wird es durch einen Tonbandwechsel verschluckt.

Aber ich könnte es ja festhalten, indem ich es.. Nun habe ich es auch vergessen.

Phorkyas: Gerettet.

Sie meinen das ernst? Jedenfalls klingen Sie wirklich erleichtert.

Phorkyas: Ja, wissen Sie. Das gerade war nun nicht wirklich eine Leerstelle. Ich verstehe mich nicht darauf Luftlöcher in einen Text zu pieksen. Ich versuche die Ideen so zu umstellen, verfolgen, einzuhüllen bis sie sich ergeben.

Aber das was dann noch da ist, ist meistens nicht viel.

Phorkyas: Ne, die eigentliche Idee hat sich dann schon verflüchtigt. Aber ich finde das vollkommen in Ordnung. Das wäre ja sonst auch nicht auszuhalten. Eine Handvoll im Jahr oder Leben sollten schon reichen. Oder eine oder auch keine.

Nun fällt mir aber wieder eine meiner Fragen ein. Sie bezeichneten mich zuvor mal als einen zerquälten Metaphysiker. Könnte man mit einigem Recht nicht das gleiche von Ihnen sagen? Ich meine einige dieser Blogeinträge lesen sich doch schon so: Sie lehnen die meisten Metaphysiken oder Religionen ab, aber ebenso stark regen Sie sich über die scheinbar metaphysikfeindliche Haltung der Wissenschaften auf, oder nicht?

Phorkyas: Ja, so könnte man schon sagen. Da habe ich noch keinen Weg gefunden, werde ich wohl auch nicht. Ich bin ja kein Jesus oder dergleichen. Den Großinquisitor könnte ich noch geben vielleicht. Ja, ich habe mich so damit abgefunden, dass Gott abwesend, nichtexistent ist, dass ich ihn verleugnen müsste, würde er sich tatsächlich zeigen. Aber das ist ja auch sehr unwahrscheinlich. Manchmal sind da aber noch so religiöse Formeln wie Zaubersprüche in meinem Kopf. Z.B. dieses “aber sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund”. Und dann zu wissen, dass er nie dieses Wort sprechen wird, dass wir in diesem leeren Weltall, ewig ohne dieses Wort bleiben werden.

Dieses ausbleibende Wort, ist das auch die Leerstelle der Poesie, das Schweigen, das sie anstreben?

Phorkyas: Das weiß ich nicht. Aber manchmal möchte ich von diesen Wortreligionen statt einem Bildnisverbot ein Wortverbot fordern. Ich meine in tausend Engelszungen reden sie Verheißungen und gießen Beton in die Schädel, aber das eine Wort, das nur von Gott kommen kann, das haben sie auch nicht.

Wird das hier jetzt eine Predigt?

Phorkyas: Sie haben angefangen, Sie Metaphysiker.

Und die Frage doch nicht so recht herausbekommen.

Phorkyas: Sie sollten nicht weiter so sehr sich damit abmühen, in mein Hirn hineinzukriechen. Da ist nicht viel zu entdecken.

Sie meinen, es liegt schon alles offen. Hier im Netz. In den paar Worten?

Phorkyas: Nein, viel eher: Sie werden nur entdecken, was Sie hineinlegen wollen, was Sie interessiert, was Ihr Geist sich ausmalt.

Nein, das ist doch Unsinn. Dann käme doch nie etwas Neues, dann stünde doch jeder Geist ewig still.

Phorkyas: Ist das so abwegig?

Aber ich bereite mich doch vor. Ich lasse mich auf den anderen ein. Dadurch erfahre ich doch notwendig etwas Neues.

Phorkyas: Ja, aber er assimiliert doch nur. Er formt es um bis es sein Eigenes ist. Das wirklich Andere, das können wir doch kaum ertragen.

Aber das heißt doch nicht, dass es unmöglich ist, dass es nicht versucht werden kann. Warum versuchen Sie dann es nicht? – Das ist doch nur wieder eine Ihrer Lieblingsthesen, hinter denen Sie sich verkriechen.

Phorkyas: Weil’s hier so bequem ist? Ne, angenehm ist das hier nicht. Wissen Sie ich versuche nur eine Phänomenologie, möchte die Dinge in den Blick bekommen, ohne gleich in Wertungen, Beteiligtsein abzudriften. Mir ist alles fremd. Ich sehe die Menschen, ich sehe mich wie Larven unter dem Mikroskop. Dann sehe ich dieses Massenphänomen das unser Denken ist. So deformierbar. Wir denken, wir reden, wir kaufen wie alle anderen auch. Schauen Sie nur diese Nerdbrillen. Die sind doch falsch. Das widerspricht den Proportionen, dem Geschmack. Aber weil es gerade in den Köpfen spukt, dass es toll sei, ist es möglich. Sehen Sie ich gehöre zu dieser Generation, die gerade noch aufrührerisch genug ist, eine unpassende Brille anzuziehen.

Ah, das haben Sie wieder schön negativ gesagt. So kennt man Sie. Aber meinen Sie, Sie könnten nicht auch anders? Sie hocken hier in Ihrem digitalen Loch, wo es schon durch die Decke tropft und dabei wäre es an Ihnen, das mal ein bisschen aufzuhellen. Diese Form zu nutzen, sie auszufüllen.

Phorkyas: Womit denn?

Ja, was weiß ich. Die Möglichkeiten sind doch so groß, als schrieben Sie einen Roman.

Phorkyas: Ei, fangen Sie bloß nicht damit an. – Es wäre nämlich genauso frustrierend wie ein Roman, den keiner liest, und so ist es ja auch.

Ihren Blog liest keiner?

Phorkyas: Sagen wir, er hat eine sehr lokale Reichweite. Die Praxis, die jetzt doch noch geöffnet zu sein scheint, hat da wahrscheinlich schon etwas mehr.

Februar 28, 2012

Konstruktivismus anyone?

Einsortiert unter: Taschenphilosoph — phorkyas @ 5:34 nachmittags

Ja, reflektieren sie denn grad alle über Begriffe oder den Konstruktivismus?

Mete, Frau Torik, Kwaku Ananse und Tom-ate.

Irgendwie hatte ich das ja auch schon mal so ähnlich: der Mensch als Metaphernmaschine, in Narration, in Sprache erschaffen und bewältigen wir unsere Welt. Was mich daran stört ist ein gewisser Relativismus: Millionen, Milliarden Welten können da hervorgebracht werden, ohne zunächst in irgendeinem Bezug zu stehen. In meiner Welt könnte der Mond aus Käse sein, warum auch nicht?

Vielleicht ist es aber so ähnlich wie es sich in Metepsilonemas Entwurf andeutet: all die Welten sind nicht isoliert sondern im ständigen Kontakt, Umbruch, durch oder in Kommunikation. Manche Absurdität mag so verhindert werden.. andere Kollektivhalluzinationen mag es aber noch befördern.

Irgendwie jedenfalls bin ich vom Konstruktivismus wieder abgerückt. Vielleicht bin ich zu sehr Physiker oder gar Metaphysiker? Oje.

Alea Torik schreibt:

Die Bilder der Physiker – vom Universum und dem ganzen Rest – sind sehr schöne, in erster Linie allerdings poetische Bilder. Wir visualisieren die Umstände, um sie uns vorstellen zu können.

Wenn sich das z.B. auf die Bilder vom Hubble-Teleskop bezieht, so könnte ich hier jedoch einwerfen, dass da meines Wissens zunächst nichts manipuliert oder poetisiert ist: Die Bilder zeigen, was wir auch mit dem Augen sehen könnten, wäre nicht die störende Atmosphäre dazwischen und unsere Augen ein paar tausend Mal schärfer. (Allerdings steht da natürlich immer noch das Problem, diese Dimensionen zu fassen, was im bunten Bild zum Glück unter geht und wo wir dann uns mit den Zahlen behelfen müssen wie einst Archimedes mit seiner Sandzahl.)

Es ist schon so, dass ich auch Paradigmen oder Leitbilder wissenschaftlicher Forschung mitunter als Metaphern sehe. Und auch Begriffe, die wir als wissenschaftlich klar und eindeutig wähnen, sind in Wahrheit vielleicht auch mit fransigen Rändern oder gar nicht so klar definiert wie wir denken, aber wir haben mit der Zeit gelernt sehr effektiv damit zu operieren (z.B. Kraftbegriff, Energie, etc.) – Aus dieser Praxis stammt dann auch vermutlich ein Art Realismus, von dem ich annehme, dass die meisten Physiker ihm anhängen: Da wird dann eben nicht mehr unterschieden zwischen Modell und Realität. Es ist ja auch wahnsinnig umständlich zu sagen: “Wir können gewisse Eigenschaften eines Festkörpers gut dadurch beschreiben, dass wir annehmen, in ihm befände sich ein Gas von freien Elektronen” – Gewisse Modelle, Vorstellungen von Materie sind so gut etabliert, dass wir diese Klammer “Es ist nur ein Modell” weglassen. Wir bestehen aus Elektronen und Nukleonen. Punkt.

[Und selbst wenn es nur Modelle nur Annäherungen gibt. Was sind das dann für Modelle wovon bzw. Annäherungen woran?]

Februar 12, 2012

Spiel und Sprache

Einsortiert unter: Taschenphilosoph — phorkyas @ 12:42 vormittags

Die Begeisterung für das Go-Spiel hält an. Zwar bin ich immer noch genauso ein Stümper wie beim Schach, aber darum war es mir ja auch nicht gegangen. Es interessierte mich vielmehr die Spielphilosophie. Der Kampf der Parteien wurde da gar mit dem Gleichgewicht von Ying und Yang verglichen. Solche Dinge machten mich beim Schach schon skeptisch: Übertragungen auf das Leben oder den Charakter der Spieler. Dass es da ruhigere, positionellere Spieler gebe und aggressiv-angriffslustige. Aber wir Menschen sehen es fast zwangsläufig so: wir unterstellen einzelnen Zügen immer einen Sinn, einen Plan und sehen so in ihnen manchmal sogar noch mehr; eine Art, einen Charakterzug. Und so wird das Spiel z.B. bei solchen “Meisterpartien” dann oft stilisiert zum Kampf verschiedener Temparamente und Genies.

Was passiert nun wenn der Gegner eine Maschine ist, die ihre Züge nur kalkuliert? Hat deren Spiel überhaupt noch einen Sinn oder sollten wir ihn zumindest unterstellen? Die Spielweise der Menschen ist doch so: dass sich ein Wissens- und Begriffsschatz ansammelt und dass man von einem Schüler sagt, er habe das Spiel begriffen, wenn er mit diesen Instrumenten eigenständig arbeitend sinnvolle Züge tut. Beim Schach lernt man dann z.B. nach den Erlernen der Regeln so etwas wie das Besetzen von offenen Linien, Freibauern, Gabeln usw. kennen. Wenn das Schachprogramm die Steine so führt, als habe es diese Begriffe zu meistern gelernt, könnte man dann davon reden, dass es sie ebenso begriffe? [Mentale Notiz: Die Grundfrage, die hier liegt ist vielleicht: Lässt sich das ganze menschliche Denken auf logisch-symbolische Prozesse abbilden? Ließe es sich auch auf eine Turing-Maschine transferieren?]

Damit wollte ich insbesondere die Bedeutung der Sprache für die menschliche Erkenntnis betonen. Wir bilden Begriffe und erst durch diese sehen wir die Dinge, können sie begreifen. Aber reicht das zur Begründung, dass das Spiel der Maschinen etwas ganz anderes sei als das der Menschen? Wieviel wissen wir denn von unserem eigenen Spiel? Vielleicht laufen in unserem Hirn ja auch nur algorithmenähnliche Prozesse und die Begriffe sind lediglich nachgeschaltete Rationalisierungen, dessen was unser Neuronengefeuer da fabrizierte?

Februar 5, 2012

Spiel, Spaß, Spannung

Einsortiert unter: Taschenphilosoph — phorkyas @ 12:28 vormittags

Der Mensch spielt nur, wo
er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist,
und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.

Schiller

Es gibt etwas, das mir höchst zuwider ist, und das ich auch bei Kant schon nicht abhaben konnte: Fortschrittsdenken. Warum soll es immer besser, schneller, vollkommener werden? Dafür sehe ich einfach kein Gesetz, keine Notwendigkeit. Die Natur kreist ewig und mag immer abgefahrenere, unglaublichere Kreaturen hervorbringen, eine Notwendigkeit Lebewesen mit Intelligenz oder gar Bewusstsein auszustatten sehe ich aber nicht. Oder gar, dass die Naturgesetze so beschaffen sein sollten, dass sie dies begünstigten, damit irgendwo auf irgendeinem Planeten ein Wesen hockt, dass sich als Krone der Schöpfung dünkt, weil es den Geist verliehen bekam, die ganze Schönheit der Welt zu erschauen, einer Welt, die ohne diesen Geist ganz leer und sinnlos wäre. Das erscheint mir absurd.

Aber zurück zum Fortschrittsdenken.(Standard-Polemik) Auf den Geist angewendet bedeutet er: Vervollkommnung, immer größere Klarheit, (Selbst-)Erkenntnis. Gerade auch der Wissenschaft scheint er so fest eingeschrieben, dass er in Mark und Bein übergegangen ist. Unaufhörlich werden alle Geheimnisse der Natur entrissen, alles beobachtet, vermessen, bestimmt.

Auch in der Mystik bzw. Spielen, die mystische Erkenntnis symbolisieren, gibt ebenfalls diesen Fortschrittsgedanken dargestellt durch Leitern.

Das Spiel wurzelt im rituellen, mythisch-religiösen. Überbleibsel davon lassen sich vielleicht selbst heute noch in den profanen Sport-Events ausmachen (oder liegt das nur an unserer Tendenz Dinge zu überhöhen also auch einem solchen Ereignis eine übertriebene Bedeutung beizumessen). Auch heute noch findet Sport an einer bestimmten Stätte mit bestimmten Regeln statt – der Alltag ist außer kraft, weil für die Zeit, die man den Sport betreibt oder ihm zusieht, nur die gesetzten Regeln zählen. Rituelles wie den Bundesliga-Abend oder den Super-Bowl, etc. gibt es dabei immer noch, freilich nun profan, wie auch der Status, der dem Ort zugemessen wird nicht mehr geheiligten Charakter hat, selbst wenn man noch vom geheiligten Grün spricht und bei einem Aufstieg die Fans Teile des Rasens zu Reliquien werden lassen.

Spiel als Metapher
Spiel des Lebens

PS. Bleibt leider bis heut abend auch noch Fragment. Sorry..

September 22, 2011

Der Kampf um die Worte

Einsortiert unter: Taschenphilosoph — phorkyas @ 8:00 vormittags

Gestern stieß mich metepsilonema erneut darauf, welch widersinniger Kampf um Worte bei den Auseinandersetzungen um den Naturalismus da geführt werden. Bei dem Text, den ich in einem früheren Artikel verlinkt hatte, ging es um die Formulierung: ein Naturalist sei überzeugt, dass alles mit rechten Dingen zu gehe. Gemeint ist wohl, wie metepsilonema unter dem Text bemerkt, dass es keine Wunder, keinen Eingriff übernatürlicher Wesen von außen gebe. Alles ist naturhaftes Erscheinen. Damit schippert diese Aussage aber auch schon haarscharf an der Tautologie. Angenommen es gäbe bewiesenermaßen übernatürliche Wesen, so bräuchte ich diese nur wieder in “Natur” zu inkorporieren und bräuchte nichts zu ändern. Oder anders: wie definiere ich überhaupt “naturhaft” (sieht sehr nach der Kant’schen “Welt” aus: die Summe aller empirisch zugänglichen Erscheinungen)? Was ist denn überhaupt außerhalb von “Natur” (oder “Welt”)?

Aber schon wieder fange ich mit den Diskussionen an, dabei wollte ich nur kommentieren, wie merkwürdig ich das finde: Hat die Philosophie denn nicht schon ihren linguistic turn hinter sich, wie kann denn dann noch so über einzelne Worte gestritten werden? Jetzt könnte ich wie tom-ate fragen: “Ist das das Ende der Philosophie?” oder vielmehr ihr Anfang! Wittgenstein, der sie als Sprachverwirrung ein für alle entsorgen wollte, müsste wohl eingestehen, dass bei soviel vorhandener Sprachverwirrung sie noch nötig wäre?

September 19, 2011

Das trojanische Pferd (2)

Einsortiert unter: Pausenankündigung, Taschenphilosoph — phorkyas @ 9:21 nachmittags

(Fortsetzung – Dennett, der Blogozentriker und Phorkyas konversieren über die Gedankendrüse Hirn und andere Schauerlichkeiten)

Dennett: Gut, nun haben Sie Ihren Blumenberg-Trumpf gespielt: Natürlich bestreite ich nicht, dass unser Erkennen metapherndurchwirkt ist, dass die ganze Wissenschaft voll ist davon. Dass fast jedes Modell oder jedes Paradigma einen solchen Charakter hat: Durch Analogie oder Übertragung etwas Unverstandenes zu begreifen.
Phorkyas: Damit haben Sie ihn aber nicht entschärft.
Dennett: Wollen Sie nun doch in rhetorische Scharmützel stürzen? Ich dachte, Sie hätten eingesehen, dass Sie da chancenlos sind.
Blogo: Na, mit meiner bleischweren Feuerkraft an der Seite wird aus manch zahnlosem Alten doch ein wagemutiger Drauflosquatscher.
Dennett: Können wir jetzt bitte zurück zum Thema, bevor man wieder Schusswaffen auf mich richtet? Aufklärung, Wissenschaft, Winchester, Neurowissenschaften, das war hier das Thema.
P: Ja, und was von diesen Verheißungen zu halten sei: das Bewusstsein sei bereits erklärt, die Entschlüsselung des Bewusstsein-Codes schon zum Greifen nah.
D: Skeptizismus ist ja gut. Nur hoffe ich, ist er nicht stumpf wie der von Maxwell Bennett.
P: Vielleicht erheitert Sie, wie das dradio Ihre Keilereien mit diesem beurteilt: Das massive Aneinandervorbei der Streiter macht deutlich: Es handelt sich hier um eine weltanschauliche Debatte, die mit Argumenten schwerlich beizulegen ist.
D: Pfff..
P: Es ist aber genau wegen dieser Verbissenheit, dass ich schon keine Lust mehr habe. Das ist doch fest gefahren. Wollte man Haltungsnoten vergeben, so ist schon gar nicht mehr zu sagen, wer verkniffener und unentspannter wirkt: Brights oder “Anti-Brights”. Naturalisten oder Religiöse, PCler oder Anti-PCler…
D: Ihr Seufzen ist ja schon physisch greifbar. Aber tun sie mal nicht so als sei ich daran schuld.
P: Nun Sie wollten doch aber polarisieren und auch solche Debatten provozieren. Dass so etwas kommen würde, muss Ihnen doch klar gewesen sein? Oder ergötzen Sie sich an den hilflosen rhetorischen Manövern Ihrer Gegner so sehr, dass Ihnen die Sache egal ist?
D: Aber was ist die Sache?
P: Das wüsste ich gerne von Ihnen. Was für ein Spiel hier überhaupt gespielt wird? Welches philosophische Terrain es hier zu erkunden gäbe? – Ob man Ihnen follgt und die meisten Probleme als Scheinprobleme abtun kann?
D: Na, dann lesen Sie doch meine Bücher. Ich denke, ich habe mir das schon gut überlegt.
P: Ja, in einigem würde ich da auch bereitwillig folgen – Aber wenn Sie dann Ihnen nicht genehme philosophiphische Positionen einfach als reaktionär abtun, so find ich das doch ein bisschen billig.
D: Auch das ist wohlüberlegt.
P: Mag sein. Aber ich dreh’ hier lieber noch ein wenig Däumchen. Lass die Welt, Welt sein.. und schau ob sich nicht doch noch ein Angelpunkt finden lässt.
D: Mache Sie das. Dann schauen Sie aber genau hin und nicht nur zurück. Kommen Sie im hier und heute an.
P: Aber warum? – Warum soll ich mir nicht noch einmal die ganze olle Metaphysik vorknöpfen, bevor ich aufs Minimalistischste beschneiden muss, wie die Naturalisten es fordern. Vielleicht will ich nicht Mensch 3.0, sondern finde das transzendentale Subjekt ganz klasse. Warum soll ich da zurück auf Ihre metaphysische Draisine, wenn ich doch den Kant’schen Düsenjet haben kann. “Version wird nicht mehr unterstützt!” Pfft. Soll’n die das mal in ihr neuronales Netz schrauben.
D: Ja, sehr geistreich. Aber doch etwas ressourcenfressend und nun leider schon zu recht passé, fehlt nun mal die Sprachreflexion – Das trojanische Pferd. Plessner, Cassirer diese Kanonen, die Sie gegen mich in Anschlag bringen wollten, haben Sie sich aber noch alle gespart? Oder sind Sie rhetorisch und inhaltlich zu sehr baden gegangen?
P: Ach ja. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt stehen die Chancen wohl schlecht, dass wir Sie als trojanisches Pferd mitten unter die Brights einschleusen könnten, um diese von innen her auszuhöhlen.
D: Warum sollte ich das auch tun?
P: Weil Ihre “strukturalistische” Selbsttheorie und auch Ihre Positionen zum freien Willen, nun ja vielleicht schon der Anfang für Ihre “Bekehrung” sein könnten. Vom Saulus zum Paulus. Vielleicht sind sie es ja schon längst, haben es aber noch gar nicht gemerkt.
D (lacht): Und Sie Teufel taufen mich. Na, das ist gar zu verlockend.
P (lacht ebenfalls): Schade, dass es der zeremoniell notwendigen Gegenstände ermangelt. Bin da mehr der karge Calvinist. Wir hätten nur diese geweihte Flinte hier. (blickt sich um, aber Blogo ist weg)

Wo steckt er denn? Hat er etwa Ernst gemacht mit seiner Arbeit und Internetabstinenz? – Bevor ich wieder zu neidisch werde, mach’ ich mich auch mal was rarer

September 9, 2011

Kunst und Kippbilder

Einsortiert unter: Taschenphilosoph — phorkyas @ 4:31 nachmittags

Diese Kippbilder, bei denen man z.B. wahlweise eine Vase oder zwei Gesichter sehen konnte, ich muss gestehen, dass ich sie immer für eine billige Spielerei hielt. So ist die Faszination Kuhns dafür, der damit ein Metapher für die wissenschaftliche Perspektivverschiebung fand, die einen in alten Daten plötzlich neue Dinge sehen ließ, für mich fast schon amüsant. Und auch das Interesse, dass diese Bilder in der Gehirnforschung einmal genossen. Wenn ich mich recht entsinne, gab es damit mal Versuche eine Art Bewusstseinsquantelung zu bestimmen: Weil nur in Vielfachen eines gewissen Grundzeiteinheit das Bewusstsein von dem Sehen des einen in die Alternative kippen konnte, nahm man an, dass das Bewusstsein in Einheiten dieses Grundintervalls einen Reset aufgrund äußerer Daten erlaubt.

Nun geht es mir aber um ein anderes Kippen der Wahrnehmung: Die Rezeption eines Kunst- oder Kulturwerkes. Diese erscheint mir sehr prekär. Ein kleiner äußerer Reiz; der Sitznachbar der ein falsches Wort verliert, vorige Erlebnisse, der Verlauf des Tages, schon diese Dinge können einen den ganzen Genuss verleiden. Angesichts dieser feinen, sensiblen Abhängigkeiten ist es für mich fast ein Wunder, dass es dennoch so oft gelingt: dass ein Leser in das Buch hineinkippt, sich diese Welt im Kopf erschafft und bevölkert; oder dass man im Kino alles umher vergisst, gefangen in fremden Bildern, einer anderen Welt.

Das war kurz gesagt, mein Problem mit “Tree of Life”, ich habe gezögert, mich zurückgehalten und dann war nur noch Widerwillen, war es ganz und gar unmöglich in diesen Film hineinzufinden. Dann bleibt man außen. Wie auf einer Feier, in der man der einzige Nüchterne ist, steht man dann auf der anderen Seite. – Es hilft nichts, man kann nicht mittun.

Oder vielleicht hilft auch ein Bild angelehnt an “Inception”: Bei großer Müdigkeit gibt es manchmal einen Moment, dass man aufschreckt, weil man das Gefühl hat (in den Schlaf) zu “fallen”. Entweder kippt man in den Schlaf oder wieder zurück ins Wachsein. Das ließe sich ja auch in den Kreisel hineininterpretieren. Dann könnte man sogar sagen, dass die Rezeption eine Art Dämmerzustand, einer Betäubung gleichkommt, weil sie das Bewusstsein, das ja eigentlich für die ästhetische Erfahrung offen sein soll, umgekehrt für alles andere Verriegeln muss.

September 3, 2011

Zu dem Problem des Organischen

Einsortiert unter: Taschenphilosoph — phorkyas @ 9:46 vormittags

In der Roadmap to Hell hatte ich dieses Problem nur lose umkreist, nun also Butter bei die Fische.

Das Problem bei den Bamberger Elegien und Tree of Life ist ästhetischer Natur: Bei beiden wird auf naturwissenschaftlich-mechanistische Bildsprache oder Vokabular zurückgegriffen, welche zunächst dem Organischen entgegenstehen könnten, weil darin nur der Automat, die Maschine existiert. Gelingt es jedoch aus dieser Spannung poetische Funken zu schlagen?

Bei Tree of Life soll offenbar die ganze überwältigende Schönheit der Schöpfung gefeiert werden. Dies ist somit Lobpreisung des Lebens und die zentrale Frage ist wie dieses dargestellt sei, welches Bild davon gegeben wird. In übersatten Farben sieht man pumpende Herzen, Zellen, Pflanzen, Getier – geschult, wie es scheint, an Tierdokumentationen, Geo-Bild-Reportagen, findet sich so eine technisch perfekte Darstellungsweise auf der Höhe der Zeit. Einer säkulären Zeit der Wissenschaft und des Kapitalismus, die man so in der Aufmachung partiell gespiegelt sehen könnte. Diese koexistiert meiner Meinung nach jedoch einfach mit den religiösen Inhalten des Filmes (in der Hauptsache ja eine leidige Theodizee-Geschichte, die bei mir nicht zünden konnte, weil die Figuren zu schablonenhaft [Vater] oder blass [Mutter]). Beziehungsweise war mir diese Aufmachung, bei der die Großartigkeit jedes Bildes von der des nächsten übertrumpft werden musste, jede Inneneinrichtung hochwertigstes Design, jede Architektur perfekt ins Licht gerückt werden musste, schon zuwieder, hatte dies auf Dauer schon etwas Atemlos, Repressives. In der Tat sehnte ich mich schon bald nach etwas Hässlichkeit, nach einer Atempause, die mir nicht vergönnt wurde. So konnte bei mir dieses Werk auch nicht atmen, konnte ich es nicht zum Leben erwecken. (In Zusammenhang mit Christina Striewkis Aufsatz, den ich schon verlinkte, könnte man sich fragen, ob dieser empfundenen ästhetitischen Repressivität auch eine ideologische, christlich-fundamentalistische korrespondiert, wie sie sie sieht. Ich bin mir nicht sicher, – aber es erscheint mir durchaus möglich, dass die repressive Vaterfigur, wie Brad Pitt sie verkörpert und die fast wie eine Karikatur eines archaischen Gottvaters der abrahamitischen Religionen wirkt, dass diese Vaterfigur auch auf formaler, ästhetischer Ebene im Film wirksam ist… Allerdings würde dies meiner Meinung nach sogar für den Kunstwerkcharakter dieses Filmes sprechen, wenn er es schafft diesen christlichen “Fundamentalismus” zu verkörpern.)

Genug zu diesem Thema: Es ist schon fast wie bei Jeff Koons, bei dessen Werken sich alles in mir sträubt und die ich am liebsten aus der Kunst ausschließen wollte, aber gerade diese heftige Reaktion mir zeigt, dass ich zähneknirschend anerkennen muss, dass da doch etwas ist, was es Kunst sein lässt. Ganz anders ist es bei den Bamberger Elegien, die bei mir eher Zustimmung auslösten – aber wie immer misstraue ich auch der. Die scharfe Gegenwartskritik, die sich in diesen Poemen entfaltet, hat einen unmittelbaren Bezug zum Organischen. In den Naturwissenschaften und unser konsumistischen Lebenswelt dominieren das Aseptische, Anorganische. Das Organische, Irrationale, der Schmutz gehört ausgetrieben. Auch unser Selbstbild soll nur noch das einer Maschine sein: Milliarden von sich selbst koordinierenden Nanorobotern erzeugen die Illusion ein Ich zu sein. (Gerade bin ich mir nicht sicher, ob die Hirnforschung explizit vorkommt, für mich ist sie jedoch der absehbare Kulminationspunkt der Bemühungen um ein naturalistisches Weltbild: das Bewusstsein als der letzter Hort, noch zu nehmende Bastion von Unerklärtem – diese Marschrichtung war wohl schon 1872 absehbar.) Auf jeden Fall ist der Text stark von physiko-chemisch-kybernetischem Vokabular durchwirkt, als Kontrastmittel, so dass das Thier überhaupt alles auszurottende Organische tragisch-wetterleuchtend erhellt. (Die Sprechweise ist dabei vielleicht ähnlich kontrafaktisch, unheilvoll wie bei Sloterdijks Menschenpark: das Thier ist schon fast erjagt, es bleiben nur noch eine Handvoll Exemplare bis alles gleichgeschaltet – so wie Sloterdijk düster prophezeit, dass wir Genmanipulationen am Menschen vornehmen werden und wir jetzt die Chance verstreichen lassen Regeln vorzuschreiben, die diesen Dammbruch verhindern könnten: der Rubikon ist schon längst überschritten.)

Was ist nun über diese willkommene Polemik hinaus? Was ist das Gegenbild, die Poetik des Thiers? Wichtig (für die poetische Aufladung) ist eine Polarität (allgemein habe die nivellierende Gleichmachung schon totalitäre Züge und ist vollkommen unpoetisch). Insbesondere die zwischen Mann und Frau. Ob das schon Machismo ist, wie er auf die Jagd nach der hembra geht? Auf jeden Fall ist es mir, und wahrscheinlich meiner ganzen Generation, schon äußerst fremd. (Dabei wird uns doch gerade die Biologie sagen müssen, dass ohne die Erfindung von Sex die heutige, überbordende Artenvielfalt nicht da wäre, dass die Schönheit der Blumen, die Komplexität der Balzrituale, einfach alles nur für dieses eine da sind.) Zu anderem finde ich leichter Zugang: die Wiederbeseelung, Re-Mythifizierung der Natur. Ist das Restauration? Ist das ein Klammern an Begriffe, Vorstellungsweisen die schon lange in den Orkus gegangen sind? Élan vital, Entelchie, Teleologie, Seele, alles passé. Die Naturwissenschaft bedarf ihrer nicht. (Hier mag es einen der Anknüpfungspunkte zu der Aufklärungskritik von Adorno geben: die (Natur-)wissenschaft entledigt sich überkommener Begriffe, der Geschichte und Traditon, sie schwimmt schließlich nur noch in der ewigen Gegenwart [Beleg?]. Sie schlägt aber selbst wieder in Mythos um, beansprucht einzige, vollständige Welterklärung zu sein. Einer entleerten Welt jedoch, die die Tradition noch möbilierte. Der alte Schrott muss raus.)

Hat es mich überzeugt? Ich bin mir noch nicht sicher. Poetisch, sprachlich auf jeden Fall. Aber beide, Malick und Herbst, sind Philosophen, da hätte ich mir fast mehr Auskunft darüber gewünscht, was das Organische denn sei. Allein, positiv für sich bestimmt ohne eine Gegenfolie. Aber so darf ich eben weitersuchen, es muss einem ja auch nicht alles vorgekaut werden.

Juni 9, 2011

Kunst und Wissenschaft

Einsortiert unter: Polemik, Taschenphilosoph — phorkyas @ 10:33 nachmittags


„Aufgabe von Kunst heute ist es, Chaos in die Ordnung zu bringen.“
Theodor W. Adorno

Bevor wir die beiden aufeinander loslassen sollten wir beide Begriffe definieren.

Bei der Kunst ist das einfach. Sie können wir nicht definieren, selbst das Bundesverfassungsgericht kapituliert und lässt einen offenen Kunstbegriff gelten. – Man könnte mir jetzt vorhalten, dass sei recht billig, immerhin gäbe es doch bestimmte Ästhetiken, auch der Literaturtheorien z.B. genüge. Doch ist es gerade diese Vielfalt, die schiere Unmöglichkeit die Ausdrucksmittel zu begrenzen. (Ja, gerade der Versuch die Kunst einzudämmen, ihr eine Ausdrucksweise abzusprechen, würde sie sofort auf den Plan rufen auch diesen Weg noch zu beschreiten.)

Nun, wie ist es mit der Wissenschaft?
Sähe ich mich gezwungen sie zu definieren, so würde ich, noch sehr butterweich sagen, dass eine Wissenschaft sich der systematischen Erforschung eines Gegenstandes (oder Gegenstandsbereichs) widmet. Klingt nicht nach sehr viel, aber implizit setze ich damit schon voraus, dass man einige Einigkeit darüber erlangt hat, was dieser Gegenstand sei und mit welchen Begriffen und Methoden man ihn erfassen kann. Arbeitet man als Wissenschaftler so verschwendet man nicht viele Gedanken an die Begriffe und Methoden, so wenig wie der Fisch über das Wasser nachzudenken hat, in dem er sich bewegt.
Was also sagt die Wissenschaftstheorie über die Methodik? Zweifellos gibt es auch hier ein breites Spektrum: Von verschiedenen Formen des Falsifikationismus, über Kuhnsche Paradigmen hin zum Feyerabendschen Anarchismus, welcher vielleicht für eine ähnliche Freiheit wie in der Kunst spräche.

Die angesprochenen Richtungen unterscheiden sich besonders kritisch in dem Grad an Rationalismus, den sie der Wissenschaft zuerkennen. Vom rationalistischen Falsifikationismus, könnte man bei Kuhn schon dogmatische und teilweise auch irrationale Einsprengsel sehen (er wird schon ein wenig polemisch, wenn er behauptet Wissenschaftler seien oft dogmatischer als Theologen und ein neu aufkommendes Paradigma werde erwählt aufgrund seiner Verheißungskraft), während bei Feyerabend wohl schon alles gleich irrational ist.

Bei Kuhn und Feyerabend flackert da die Flamme von Wissenschaftspolemik, wie man sie vielleicht auch schon bei Goethe gegen Newton findet.. Und auch ich habe mal wieder zugeschlagen – etwas das zu wiederholen mir jetzt zu peinlich ist, aber wann immer diese Brights mir zu sehr auf die Pelle rücken fühle ich mich so “dim”, weil mir ‘ne Sicherung rausfliegt. Dabei möchte ich eigentlich nur gegen die Polemik polemisieren.

Warum sind diese Kreuzzügler der Wissenschaft ausgezogen, damit sich die Leute in den Foren jetzt jahrelang die Teekannen und Spaghettimonster um die Ohren hauen? – Vieles was die Naturalisten zu sagen haben, hört sich so vernünftig an, und meinen Quine werde ich auch noch lesen,.. aber müssen mir diese Brights ihre Ideen so sehr durch diese unsägliche Form der Darbringung verleiden? – Und jetzt schon wieder dafür sorgen, dass dieser Text nicht fertig wird, denn eigentlich hätte jetzt doch der Kant kommen sollen.

Mai 31, 2011

Von Seelenbiologen und Kranionauten

Einsortiert unter: Buchbesprechungen, Taschenphilosoph — phorkyas @ 9:21 nachmittags

Anhand von Aris Fioretis „Seelensucherin“ kann man, auch wenn der Roman selbst das Spannungsverhältnis von Wissenschaft und Literatur eher am Rande berührt, doch die Kunst-und-Wissenschaft-Problematik sehr schön explizieren. Der Roman hat bei mir ein veritables Kopffeuerwerk entfacht – das ist buchenswert, weil es mir, als professionell verbildetem Germanisten, nur noch selten gelingt, mich auf ein Buch einzulassen. Zu stark sind die Kategorisierungen und Erwartungen in meinem Hirn verrastert, als dass der Text seine Chance bekäme, bei mir den Kopfzirkus in Rotation zu versetzen. Dabei hänge ich durchaus der romantischen Überzeugung an, jedes Buch (ausgenommen vielleicht einmal jene, die von vornherein als geistiges Sedativum gedacht waren) habe das Potential, von seinem Leser zum Leben erweckt zu werden. Es kommt nur eben darauf an, den richtigen Leser in der richtigen Stimmung zu finden!

Wie auch immer. In Fioretos Debütroman geht die Protagonistin Vera auf die Suche nach ihrem Vater, während der Seelenbiologe Schaumberg nach dem Sitz der Seele forscht. (Der deutsche Titel ist also etwas irreführend, da wohl Vera kaum auf der Suche nach der Seele ist.) Über den materialistischen Naturforscher wird im Verlaufe des Geschehens einiger Spott ausgegossen. Dass er dadurch schon fast zur Witzfigur degradiert wird, erschien mir als eine Schwäche des Romans (immerhin bilden seine Forschungen und die Reflexionen darüber einen Hauptteil des Buches). Man dabei allerdings auch beachten, dass die Geschichte Professor Schaumberg übler mitspielt als die Erzählerin, die sich zu einer Verteidigung des Materialisten aufschwingt: So abwegig und abstrus seine Experimente auch anmuten mögen, sagt sie, so würden er und Teile seiner Forschungsergebnisse zu Unrecht mit einem Bann belegt. Denn später sei die Wissenschaft seiner Bahn oft genug gefolgt. Vielleicht täte daher einigen Naturwissenschaftlern auch einmal der Blick in die Geschichte ihres Faches gut.

Aus Schaumbergs Sicht mag es schlüssig gewesen sein in einer Punktsubstanz, die irgendwo im Schädel sich befinden muss, so etwas wie die Seele zu vermuten. Auch wenn es mich ein bisschen noch an Demokrits Seelenatome erinnert, so geht es dabei sogar vielleicht um etwas anderes: der Patient, den Schaumberg untersucht, gab an keinen Körper zu haben. Er kann ihn zwar bewegen und letztlich auch wieder lernen ihn gezielt zu steuern, aber begreift ihn nicht als zu sich gehörend (Plessner folgend könnte man die Bezeichnungsweise hier vielleicht etwas anders wählen: Wir haben einen Körper, den hat auch der Patient noch, wir sind aber auch ein Leib – und daran scheint es dem Patienten vielleicht sogar eher zu ermangeln: er begreift sich nicht mehr als diesen Körper bzw. ihn als Teil von sich selbst, ihm fehlt also der Leib; das Ich-Gefühl des Körpers?). Es geht ja bekanntermaßen auch umgekehrt, dass Menschen, die Gliedmaßen verloren haben, diese nach wie vor spüren.

- Sind diese Phänomene schon kopfzerbrechend genug, so lenkte Schaumbergs Punktsubstanz aber meine Aufmerksamkeit auch auf etwas anderes, das ich als Psycholokalisation bezeichnen möchte: Schaumberg soll die Hoffnung gehabt haben, dass er falls es gelänge diese Punktsubstanz, den Träger der Seele, zu extrahieren, diese in Gefäßen zu bewahren, dass man schließlich gar keine Körper mehr benötige und frei vom Körper vielleicht sogar ewig “lebte”. Das erinnerte mich etwas lose an die Gefäße in “Being John Malkovich”. Zwar ist es dort umgekehrt: Es gibt Gehirne mit einem Eingang, in denen andere Leute das Leben aus der Sicht dieser Person erleben können (ein Puppenspieler ist dann sogar in der Lage den Körper zu steuern, dessen Gehirn er gerade bestiegen hat). – Dieses Gehirngefäß dient dann einigen Leuten als Gefäß, um von Generation zu Generation in immer neuen Gefäßen weiterzuleben.

Was ich hier meine ist etwas anderes: Wo fühlen wir selbst das Zentrum unseres Bewusstseins, wo lokalisieren wir unser Selbst? Wir halten doch unser Gehirn für den Sitz unseres Ichs (vormals Seele) und unsere Augen sind die Gucklöcher nach außen, wie es in diesem Film durch eine umrandete Handkamera angedeutet wird, wenn jemand in John Malkovichs Hirn steigt.

Natürlich kann ich die Frage nicht beantworten, warum wir ausgerechnet das Gehrin so unterstreichen, auch im Rückenmark sitzen viele Nervenzellen, die könnten ja vielleicht auch noch “mitreden”, ja “wir” könnten doch völlig über den ganzen Körper verteilt sein – aber so ist es anscheinend nicht. Wir bilden eine zentrale Instanz mit der wir uns selbst identifizieren und die meisten mentalen Vorgänge scheinen auch mit irgendwelchen physiologischen Prozessen im Gehirn zu korrelieren.

Man kann also mit recht von dieser grauen Substanz fasziniert sein. Die Begeisterung Schaumbergs für das Gehirn wird im Roman ja schon persifliert. Dass auch der Autor diese teilt merkt man vielleicht bei Fioretos’ Aufsatz “Mein dunkler Schädel” – denn in diesem taucht Fioretos selbst als Kranionaut in die dunklen Ecken unserer Schädel.

* ~ *

Liest man andere Kritiken zur Seelensucherin, so sind einige zwiespältig bis ablehnend. Einer der Hauptvorwürfe ist vielleicht, dass die spärliche Handlung so zäh und langsam voranschreite, ja dass “ein großer Erzähler [..] da nicht am Werk [sei] – eher ist’s ein Feinmechaniker, der Worte und Motive gebraucht wie andere Rädchen und Schräubchen.” (hier) Zwar gab es auch für mich kleine Längen, aber generell würde ich an ein Buch wohl dieses Kritierium nicht anlegen wollen: es geht nicht darum eine Handlung möglichst ansprechend, mühelos und geradlinig an den Mann zu bringen – Letztlich liegt darin wohl die subtil-subjektive, irrationale Seelenchemie namens Literatur, die für jedes Gehirn nach einer eigenen Rezeptur verlangt. Aber uns verlangt es dann natürlich nach Rationalisierungen, nach Kritierien und soliden Gründen dafür, warum das eine Buch unsere Neuronen so befeuert, während das andere abstoßende Reaktionen hervorruft.

[Eigentlich ist der Rahmen nun schon geschloessen, dennoch bin ich bisher so wenig auf Roman eingegangen, dass ich noch zwei Kleinigkeiten herausstellen möchte, die ich positiv verbuchte: Zum einen vollführte die Erzählerin recht reizvolle Brüche der erzählten Zeit. Das erinnerte mich schon fast an Techniken des Films; So führte die Erzählerin einen Orts- und Zeitwechsel durch, der sehr einer Kamerafahrt glich, die von der Protagonistin auf der Straße den ganzen Straßenzug entlangschwenkt, um zu der Haustür zu gelangen, durch die sie gleich treten wird.
Und zum anderen waren da diese lyrischen Szenen, des Schneefallens oder die in der Rückblende erzählte Liebesgeschichte, die bei mir jenen Genuss herbeiführten, den ich mir von Literatur erhoffe.]

Edit: Mit einiger Hilfe von außen wurde zumindest der Anfang des Textes schon einmal lesbarer gemacht – auch den Rest habe ich noch etwas umgerührt, genießbar ist die Suppe wahrscheinlich immer noch nicht.

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