Lafcadios Go-Ecke

Dezember 16, 2011

Die Muhdose

Einsortiert unter: Splitter — phorkyas @ 4:12 nachmittags

Seine Stimme war die einer Muhdose. Immer und immer wieder kippte er die Dose. Immer und immer wieder erklang der gleiche, triste Laut. Eines Tages aber als auf einem Hügel ihm die Dose entglitt, und sie muhend herunterpolterte und knapp am Abgrund erst zum Liegen kam, fand sie seine Stimme. Klar und deutlich sprach sie.

November 17, 2011

Ausdrucksallergie

Einsortiert unter: Pausenankündigung, Splitter — phorkyas @ 10:36 nachmittags

Das heißt, daß hier gewissermaßen jenes Zivilisationsbewußtsein, gegen das zu protestieren ja in Gottes Namen in der verwalteten Welt der Kunst mehr obliegt als wahrscheinlich je zuvor, verdrängt wird, und daß hier die Menschen nur dehalb gegen den Ausdruck allergisch reagieren, weil er sie an Dinge mahnt, die unter der gegenwärtigen Herrschaft des zivilistatorischen Prinzips eigentlich gar nicht mehr richtig zum Leben kommen könnnen. Man hält es gewissermaßen nur aus, wenn man davon nicht redet, wenn es nicht einmal mehr zum Zeichen findet.

Adorno “Ästhetik 1958/59″ (Hervorhebung von mir)

September 22, 2011

Selbstzerstörungstendenz

Einsortiert unter: Splitter, Unwürdige Themen — phorkyas @ 7:30 vormittags

(Edit/Erklärung: Wurde kürzlich mit alten Kommentaren von mir selbst konfrontiert. Bah, wie so ein neunmalkluger Pennäler schwätzte ich daher. Und die Erkenntnis dämmerte, dass ich das schon immer war und auch geblieben bin. Wie lösche ich also diesen nervigen, sich klug gebenden, sich selst für klug haltenden Schwafler von mir runter?)

August 30, 2011

Verschränkung

Einsortiert unter: Splitter — phorkyas @ 7:46 vormittags

Ich will aber nicht in irgendwelchen Netzen präsent sein, sondern meine Finger in die Hand einer anderen verschränken, während ich Unsinn rede

Dr. Schein in den Kommentaren

Juli 20, 2011

Welt

Einsortiert unter: Splitter — phorkyas @ 10:09 nachmittags

Die Welt wird so klein und immer kleiner. Schon gleitet sie zwischen die Steine im Gehsteig.

Die Welt wird so groß und immer größer. Nicht einmal den Fuß eines Hauses können wir noch erblicken.

Juni 7, 2011

Kritiker

Einsortiert unter: Splitter — phorkyas @ 10:07 nachmittags

Auch wenn es nicht ganz fair gegen die Kritiker wäre, so erscheint es mir doch beinahe so, dass jedes Buch, ausgenommen jene, die von jeher als geistiges Sedativum gedacht sind, das Potential hätte, von seinem Leser zum Leben erweckt zu werden. Geschieht es nicht, so hätte es eben nicht den richtigen Leser gefunden.

Juli 21, 2010

En passant

Einsortiert unter: Splitter — phorkyas @ 7:22 vormittags

Das Gespräch über die bohrenden, immer wieder aufkeimenden existentiellen Fragen und Zweifel war gerade unterbrochen, da kam sie aus ihrem Zimmer zurück, blieb im Türrahmen stehen und sagte folgenden Halbsatz über sich selbst: “.. und das bei jemandem, der nicht einmal weiß, ob er existiert.”

~~

Juli 6, 2010

Taucher

Einsortiert unter: Splitter — phorkyas @ 8:21 nachmittags

für

Ein klarer Wintertag. An der Kasse des Supermarktes stand er in der Schlange. Nackte, dreckige Füße. Er rollte einen vollbepackten Einkaufstrolley hinter sich her. Eine dicke Schicht schmuddeliger Hemden umgab seinen schmächtigen Körper. Hinter dem wuchtigen, etwas mitgenommenen mit Klebebändern reparierten Brillengestell huschten seine Augen unruhig hin und her, als fürchte er jeden Augenblick eine Anfechtung, einen Angriff. Seine Bewegungen hingegen wirkten angestrengt und schwerfällig, so als wiese für ihn die Luft eine viel höhere Zähigkeit auf und koste es ihn so eine ungleich höhere Kraft sich durch sie hindurchzubewegen.

Juni 17, 2010

Trip

Einsortiert unter: Splitter — phorkyas @ 7:50 nachmittags

Sie wirkte geradezu extrovertiert. Nichts von dem sprichwörtlichen sich ins Schneckenhaus zurückziehen. Sie schien es sogar zu mögen ein bisschen an der Unterseite gestreichelt zu werden und schleimte meine Hand vor Freude noch mehr ein.

Der Rest der Gruppe war schon weitergezogen, aber dies zutrauliche Exemplar wollte ich noch nicht wieder auf den Boden lassen. So stürmte ich, die Weinbergschnecke auf der Hand, den Hügel hinab. Sie genoss den Fahrtwind sichtlich und ihre Fühler mit den Augen rotierten fröhlich durch die Luft: Sie flog.

(Gedanken an Hofmann)

Juni 1, 2010

Zärtliche Warenwelt

Einsortiert unter: Splitter — phorkyas @ 8:10 nachmittags

für meinen roten Wirbelwind

Er überquerte die Straße, zögerlich und ungelenk. Ich hielt dort mit dem
Fahrrad. Er brabbelte Worte vor sich hin, ins Selbstgespräch vertieft.
Am Ampelpfosten blieb er stehen:
“Ich liebe dm, ich liebe edeka, ich liebe…”
Er hatte mich gesehen, so dass er Teile seiner Aufzählung schon an
mich richtete. Seine ganze Konzentration und Energie setzte er in das
Erstellen der Liste. Auch zählte er die Listenpunkte an den Fingern ab:
“Ich liebe dm, ich liebe raab kaarcher, raab karcher, ich liebe..”

(Gedanken an Fromm)

Edit: Ein umgangsprachlicher Lapsus wurde entfernt. Vielen Dank für den Hinweis
und die Formulierungshilfe!
(Widmung angefügt)

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