Lafcadios Go-Ecke

Juni 30, 2011

Tree of Life

Einsortiert unter: Kino, Polemik — phorkyas @ 10:46 nachmittags

“The tree of life”. Jedes Wort, jedes Bild in diesem Film
ist verlogen. Die Syntax ist die der Werbeindustrie.
Dennoch lobt ihn die Kritik hymnisch. Es ist ihre Art.
Gregor Eisenhauer

Was war das bitte? Sind das die letzten Minuten von 2001 auf einen Film von Überlänge gedehnt oder doch nur eine Waschmittel-Werbung auf 138 Minuten?

Diejenigen die sich dieses Machwerk nicht in voller Länge gegeben haben, beneide ich nun, aber ich hatte ja Geld bezahlt und wollte so das Ding auch bis zum letzten durchstehen. Einfach hat er es mir nicht gemacht. Es geriet zur schon physisch empfundenen Qual:
Wie viele verdammte Gegenlicht-Aufnahmen kann man denn noch in dieser schier endlosen Zeit zeigen, musste ich mich fragen. Ich zuckte schon unwillkürlich zusammen, wenn die Kamera wieder von unten schräg, das Licht werbetechnisch transzendieren wollte und der nächste Vorhang oder das nächste Blätterwerk im Wind rascheln musste. Ja, jede Aufnahme war perfekt. Zu perfekt. Wie froh bin ich, dass das nicht mein “Leben” ist, in meinem sind die Aufnahmen nicht so werbeästhetisch vervollkomment, in meinem gibt es noch Dreck.

Was war das denn für eine Mischung? Ein wenig “Unsere Erde” (der schon eine ähnliche Ästhetik aufwies) verquickt mit Hubble-Teleskop-Aufnahmen. Großstadt-Architektur, schillernde Oberflächen. In der Mitte ein wenig Handlung und sogar Schauspiel (die Hauptrolle, der einzige Charakter einem Kind aufgebürdet)…
Und dann dieser pathetische Kitsch: schwebende Grazien… und, dafür fehlen mir die Flüche: Computeranimierte Schmetterlinge, die auf der Hand der engelsgleichen Frau landen und von dieser auch noch gestreichelt werden sind einfach Scheiße! (In einem anderen Film wurde mir auch schon so eine unsägliche Szene untergejubelt, ich bin mir gerade nicht sicher, war es tatsächlich “Ohne Limit”?)

Und diese ganze Leere wurde dann bemüht in einen Theodizee-Rahmen gepappt – Nein, berührt hat mich keines dieser Schicksale, weil es ja nur leere Projektionsflächen gab. Das klappt bei einem Film wie “Blau” dann doch ganz anders, bei dem ich den Schmerz der Protagonistin, die Verhärtungen der Seele mitspüren kann, während mir diese Pappkameraden, in die ich selbst alles Innenleben hineintüten müsste immer fremd geblieben sind (außer vielleicht dem ältesten Sohn wie gesagt).

Pffft. Nö, blöd!

Januar 4, 2010

Jahresendkurzzusammenfassung

Einsortiert unter: Kino, Splitter — phorkyas @ 10:40 nachmittags

Weihnachten (als heidnischer Kollektivkonsumterror, als Verwandten- und Familienstresser, als Fest der Völlerei): Gehört endlich abgeschafft.

Kinobesuche:

Avatar: Kann man gesehen haben; am besten hat mir dazu die Kritik in der FAS gefallen.
Das weiße Band: Beeindruckende Bilder, gute Darsteller,.. aber nix. Kann nicht verstehen, was die Kritiker daran alle finden. Vielleicht war der Effekt gewollt, dass man wie betrogen aus dem Film geht, weil es keine Auflösung gibt, keine Katharsis, wie beispielsweise bei Dogville. Aber was soll es dann? Wozu sollte ich nun beginnen zu rätseln, zu reflektieren, um die Leere zu füllen, die der Film hinterlässt. Da ist mir lieber, dass der Film ein Ziel hat, ein Konzept und dieses auch erfüllt. Die Empörung, die sich bei Dogville beispielsweise am Ende in Selbstjustiz entlädt und einen die Menschheit mit dem Flammenwerfer auslöschen lassen möchte (auch wenn mich die wenig subtilen Bilder während des Abspanns schon wieder genervt haben)… ja sogar James Cameron würde ich vorziehen, da weiß man was man hat,.. das hätte man wohl auch bei diesem Machwerk wissen müssen. Dabei hatte ich der Klavierspielerin noch etwas abgewinnen können (der Freund, mit dem ich den Film sah, mochte ihn überhaupt nicht leiden und beschwerte sich überdies, dass andauernd das Mikrophon der Tontechnik zu sehen gewesen sei). – Aber so geht es zu in den Tempeln der Hochkultur. Wolle mer se rinlasse? Ne danke, keinen Bedarf!
Gamer: Indiskutabel (unfreiwillig in einer Sneakpreview).
Die Anwälte: Nervig waren bei dieser Dokumentation nur ein paar Teenies, die unbedingt alle Vorurteile erfüllen mussten, nicht fünf Minuten ruhig halten konnten, einem mehrminütigen Redebeitrag keine Aufmerksamkeit mehr schenken wollten, andauernd auf Toilette mussten, mit dem Mobiltelefon spielten etc.. Ach Leute, ich fange an mich so alt zu fühlen, wenn ich jetzt schon anfangen muss, über die Jugend zu lästern.
Away we go: Im Pärchenabend, für mich einmal wieder treffend beschrieben und bewertet bei filmstarts.de.

Dezember 22, 2009

Flugsaurier mit USB-Port

Einsortiert unter: Kino — phorkyas @ 12:39 vormittags

Ja, ich gestehe es: auch ich habe mir “Avatar” angeschaut. Als Blogschreibtäter und damit Pseudointellektueller per definitionem darf ich mir nur nicht anmerken lassen, wie gut mich das Ding unterhalten hat. Demnach wäre es angebracht, ein bisschen über das Unvermögen zu lästern, sich Außerirdische ohne menschliches Aussehen oder Wilde ohne archaische Rituale vorzustellen. Dann könnte man sich noch ein bisschen erheitern lassen von Pterosauriern mit USB-Port, esoterischen Energieströmen, einem an die Gaia-Hypothese angelehnten Baum, von dem man sich Erinnerungen herunterladen kann, Bäumen und Farnen mit floureszierender Touchscreen und Lianen und Reittieren ebenfalls mit USB-Port. Ach, man könnte schwelgen in diesen Dümmlichkeiten, der dünnen Geschichte, dem Bösewicht, der so gemein ist, dass er im angreifenden Flugzeug neben dem Bombengeschwader noch die Kaffeetasse in der Hand hält…

Nur diese ganze technisierte Natur, die in einer fremden, erschaffenen Welt uns da vorgestellt wird, ist sie nicht schon problematisch? Dieser Vulgärholismus, dieses Feigenblatt an “ganzheitlichem” Denken, das da schon völlig entleert und ausgehöhlt noch vor den goldenen Götzen der Technik gelötet wird,.. uns ist doch nichts zu billig, wenn es doch nur schön glänzet und scheinet!

Aber gute Unterhaltung das ist es.

Zugleich jedoch bildet Vernunft die Instanz des kalkulierenden Denkens, das die Welt für die Zwecke der Selbsterhaltung zurichtet und keine anderen Funktionen kennt als die der Präperierung des Gegenstandes aus bloßem Sinnenmaterial zum Material der Unterjochung. [..]
Kant hat intuitiv vorweggenommen, was erst Hollywood bewußt verwirklichte: die Bilder werden schon bei ihrer eigenen Produktion nach den Standards des Verstandes vorzensiert, dem gemäß sie nachher angesehen werden sollen.
Horkheimer, Adorno “Dialektik der Aufklärung”, 1944

November 23, 2009

Rezeptionsregeln – Wider die Naivität

Einsortiert unter: Kino — phorkyas @ 9:15 nachmittags

Ein paar goldene Regeln, um einen Kinofilm, einen Roman, ein Kunstwerk zu genießen? Selbstwidersprüche und Provakationen mit einbegriffen.

1) Der sogenannte “gehobene Geschmack” ist nur der Unwille oder sogar die Unfähigkeit sich auf die Projektionen, Bilder, Klischees einzulassen. Voreingenommenheit, irgendetwas das stört verhindert, das wir uns auf den Film einlassen. Das magische Band ist gerissen, die Resonanz gestört. Wir aber suchen den Fehler beim Werk: Es sei dumm, klischeehaft, naiv.

2) Meide die Kultfilme, den Kult. Es gibt genügend Leute, die “Blues Brothers”, “The Big Lebowski”, “The Matrix”, “Rocky Horror Picture Show” etc. toll finden (mich selbst eingeschlossen) und diesen mit ihren unsinnigen Ritualen huldigen. Wenn aber alle einstimmen oder mit Anspielungen und Zitaten zeigen, dass sie zu den Eingehweihten gehören, so ist dies: langweilig, schleimig und in der unreflektierten Bejahung des Bestehenden naiv (und faschistisch).

3) Es ist zwar unmöglich, weil es wohl vonnöten ist, um die Auswahl zu treffen, dennoch: Lies keine Kritik und lass dir von keinem auf Action getrimmten Trailer Lust machen oder die Lust nehmen, in einen Film zu gehen!

4) Keinen prätentiösen Kunstquatsch. Besaufe dich nicht daran den kleinen abseitigen, kleinen Nischenfilm zu kennen. Also keine europäischen Machwerke. Ebenso: Kein Hollywood, kein Bollywood, kein Kung-Fu… Kurzum: Kein Kino!

5) Schaue den Film wenigstens dreimal. Wenn du das ohne Gehirnimplosion, Wut- oder Verzweiflungsanfall überstanden hast, kann der Film so schlimm ja fast nicht sein.

6) Ähnlich wie 5) nur jetzt mit Kennermiene sezieren und analysieren; den Rhythmus der Geschichte, die Plausibilität der Handlungen, aus dem heraus, was die Charaktere eigentlich darstellen sollten, Musik etc.?

usw. usf.

November 2, 2009

Kleine Liste deutscher Filme..

Einsortiert unter: Kino — phorkyas @ 11:24 nachmittags

.. die zu sehen ich nicht bereut habe.

Jenseits der Stille, Finnischer Tango, Das Leben der Anderen, Im Sommer ein Jahr, Muxmäuschenstill, Gegen die Wand, Momo, Herr Lehmann, Full Metal Village, Kirschblüten, Wer früher stirbt ist länger tot, Buena Vista Social Club, Knockin’ on Heaven’s Door, Spur der Steine, Im Westen nichts Neues, Knockin’ on Heaven’s Door, Lola rennt, Sonnenallee, Rosen für den Staatsanwalt, Das Experiment, Die Brücke, Nur ein Sommer, Nimmermeer, Allein, Solino, Im Juli, Lammbock …

(Das nur, um Fragen zu provozieren wie: Warum ist xyz nicht dabei? Wie kannst du Film abc mit aufnehmen? etc.)

“Deutsche Filme sind naiv.”

Einsortiert unter: Kino — phorkyas @ 10:56 nachmittags

Was an dem Urteil, dass deutsche Filme naiv seien, hat mich so aufgeregt? Dass es abwertend gemeint war, dass es alles über einen Kamm schert, dass es seinerseits naiv ist, dass man ebenso sagen könnte: Hollywood ist Scheiße und hätte in beiden Fällen gleich recht und unrecht? Vielleicht hilft es ein kleines Streitgespräch zu Inszenieren, um zu ergründen, worum es denn gehen könnte.

Idiot: ich
andere: andere

Idiot: “Sollten wir nicht zuerst definieren, was das sei: naiv?”
Freund: “Als naiv bezeichnen wir wohl gemeinhin eine Sichtweise, die ihre eigene Begrenztheit nicht in Sicht hat.”
anderer Freund: “So könnte man es wohl sagen. Wenn du nun sagtest, dass der deutsche Film naiv sei, so soll das wohl heißen, dass deutsche Produktionen in ihrer Art und Weise, der Wahl ihrer Mittel und so weiter beschränkt sind, diese Beschränktheit aber nicht bemerken? Wäre dann nicht das spezifisch Deutsche, die Art und Weise der Beschränkheit zu bestimmen, die bei dir dieses Gefühl der Peinlichkeit hervorrief?”
erster Freund: “Nö. Es reicht wohl einige Filme nur sich anzuschauen, um jene Eigenart zu erfassen… Oder meinst du gar Naivität könnte mir wiederum zur Last gelegen werden, weil mein Urteil einem Schnellschuss gleiche, bloß einer gefühlsmäßigen Äußerung?”
Idiot: “Da es sich um ästhetisches Urteil handelt, ist dir wohl kaum der Vorwurf der Voreiligkeit zu machen. Ich hörte während des Films auch meinen Sitznachbarn verächtlich die Luft ausstoßen. Und der Diskussion nach seid ihr nicht die einzigen, die diesem Urteil zuneigen. So überlegte ich wohl während des Films, was so störend sei.”
zweiter Freund: “Und hast du sie bemerkt die ganzen unsäglichen Klischees?”
Idiot: “Sie habe ich wohl bemerkt, aber sie reichen mir nicht solch starke Ablehnung zu begründen. So schob ich es vorläufig auf das subjektive Moment, wie sehr die Stimmung beeinflusst, wie man den Film aufnimmt. So schauten wir doch gestern noch einen Film, dessen Hauptfiguren auch nur Typen waren und die ganze Handlung ebenfalls nach drei Sekunden klar war.”
erster Freund: “Mag wohl sein. Aber es kommt bei den Klischees auf den Geschmack an. Nimmt man lieber Vorlieb mit dem europäischen, den amerikanischen, den indischen usw.? Du kannst jetzt alles über einen Kamm scheren und sagen, sie seien alle gleich dumm..”
zweiter Freund: “Aber dann kannst du dir gleich irgendwelche dieser Pseudo-Kunstfilme anschauen, die in ihrer Unverständlichkeit noch das allerschlimmste Kunstklischee erfüllen.”
dritter Freund: “Zielt das auf die Koryphäen? Möcht’st wohl gerne eine schlachten? Vielleicht ist Kubrick überschätzt, na und? Musst du aber nicht zugeben, dass es wohltuend wäre in dieser Masse von Nicht-Können und Nicht-Wollen, in dem noch die nichtigste und blödeste Komödie ihre Zweit- und Drittfortsetzung erfährt, in diesem vor Dummheit und Einfallslosigkeit strotzende Programm der Multiplexe, dass man sich sich da nicht manchmal einen solchen kleinen Film wünscht, einen der einmal etwas Neues wagt, der höher zielt, wenn er auch scheitert?”
erster Freund: “Ein frommer Wunsch; dieser Traum von der kleinen, cineastischen Perle. Aber verkennst du so nicht, dass wir die Klassiker als Orientierungspunkte brauchen. Bilden wir denn nicht unseren Geschmack an den Filmen, die mal erfolgreich waren oder durch Kritiken, Kult oder Rat eines Freundes den Weg zu uns fanden?”
Idiot (zur Seite): “Und wieviel günstiger hat es da der noch junge Film gegenüber der Literatur, die ihre Werke begräbt unter jahrhundertdickem Lob, schließlich so verfestigt und verewigt, dass kein Widerspruch, kein Zweifel mehr zugelassen wird daran, bis das Werk endlich erstickt und mundtot gemacht worden ist..”
erster Freund: “Schmock. Es scheint, wir haben die eigene Begrenzung nicht mehr in Sicht und sind baden gegangen.”
Idiot: “Aber es hat gewirkt. Der Ärger ist verflogen, als die Gedanken sich verirrten.”
zweiter Freund: “So ist der Frieden wieder geschlossen? Oder geht es in die nächste Runde?”
erster Freund: “Vermutlich hat es dich nur gekränkt, dass dein Film keinen Anklang fand. Es ist doch bemerkenswert, wie sehr wir Zuspruch suchen für das eigene Urteil, dass es uns enttäuscht oder gar beleidigt, wenn wir keine Mitstreiter finden.”
Idiot: “Vermutlich. Nur im Vergleich der beiden Filme, fand ich es schon ein bisschen unverhältnismäßig. Immerhin hätte man deine Feststellung, dass in der norwegischen Komödie, einfach nur nette Menschen unterwegs gewesen seien, auch als Seichtheit auslegen können. Der deutsche Film ist naiv, aber neue amerikanische Screwballkomödien, wie America’s Sweethearts, sind toll?”
dritter Freund: “Geht’s also endlich rund? Aber wie soll man auf dieses Eingedresche noch reagieren?”
erster Freund: “Tja, ein Tiefschlag. Seine kleinen Schwächen hat jeder, ist das ein Argument gegen meine Aussage?”
zweiter Freund: “Lasst mal die dummen Scharmützel! Es wäre doch schön gewesen, zu untersuchen, ob man die Unterschiede von amerikanischem und europäischem oder auch nur deutschem Film wenigstens in ihren Klischees bestimmen könnte.”
dritter Freund. “Wäre das nicht furchtbar unergiebig? Vielleicht hängt es ja auch nur an der Zeit, in der man einen Film sieht, oder ein Buch liest. So fand ich als Kind zum Beispiel den Film Jenseits der Stille sehr gut, während mich beim heutigen Schauen schon ein paar Dinge stören. Dieses Großstadt-, Berlin-Klischee zum Beispiel. Oder der Typ, in den das Mädchen sich verliebt, der kam mir doch äußerst oberflächlich, ja sogar egoistisch vor und gab nur Platitüden von sich, obwohl er doch offensichtlich eine positive Figur sein soll? Auch die Künstler gehen mir auf den Senkel, in ihrem neueren Film Im Winter ein Jahr zum Beispiel.”
zweiter Freund: “Aber diese Gestalt ist doch noch um ein vieles Mal erträglicher als beispielsweise die Bohème in Das Leben der Anderen. Vielleicht habe ich beim zweiten Sehen einige Eigenschaften des Regisseurs zu sehr in die Hauptperson projiziert und mich so ein wenig an dem ‘bourgeoisen’ Kunstverständnis gerieben.
erster Freund: “Aber dabei sind das noch Filme, die wir sehr schätzen. Welcher Film ist schon frei von Makeln oder Klischees?”
dritter Freund: “Bevor ich hier noch zum besten gebe, wie präzise und ironisch sich da Martina Gedecks Urteil ausnimmt, hier besser:

Ende -
offen”

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