Lafcadios Loch

Go-Steine und nicht viel mehr

Monat: Mai, 2010

Tschööööööt

Das ist mir jetzt ja doch zuwider, dass ich nun Sympathie für den Mann empfinden soll. Nur weil er für eine Binsenwahrheit gekreuzigt wurde,.. die durfte man natürlich nicht aussprechen, dafür sind die Redakteure zu verklemmt (s. Spiegel, Zeit, FAZ). Ist doch aber ganz einfach: Ja, es gibt bei Kriegen auch wirtschaftliche Interessen (die kosten ja auch Geld)… aber sagen darf man das doch nicht?

Jetzt macht euch doch mal locker Leute, sonst darf man auf eurer geistigen Tollwiese des Feuilleton doch auch mal gegen die Demokratie wettern und allerlei Jux und Logorrhoe betreiben. Nu kummt duch mul!

Das Fußnotenmassaker oder Ich liebe Polemik

Emil Heinrich Du Bois-Reymond ist ein Riese [4], so wollte ich schreiben, als ich zum ersten Mal seine Rede “[ü]ber die Grenzen des Naturerkennens” las. Verglichen mit Hawking was für eine Tiefe der Gedanken.. und dann doch nur wieder philosophische Gemeinplätze der Scholastik (Qualia-Streit), Zeitgeist und in avantgardistischen Bildern menschliche Gedanken als elektro-chemische Impulse, der Wärmetod der Welt? – Immerhin seit 1872 nichts Neues. Wenn er von den verschiedenen Hirnregionen spricht, die verschiedene Aufgaben übernähmen (er verweist hier auf Hermann Munk) sieht man den Weg der Neurowissenschaften schon vorgezeichnet. Als habe er damit schon den weiteren Weg vorweggenommen, nur dass wir heutigen Wissenschaftsadepten nicht einmal mehr an sein Niveau heranreichen. Man könnt schon neidisch werden auf Herrn Du Bois [1].

Ich kann mir auch gut vorstellen, wie die kühnen physiologischen Bilder, die mechanistischen Metapher im neunzehnten Jahrhundert die Leute gruselte und faszinierte. Hinzu kommt, dass der Text in seiner Bedeutung changiert und schillert [2]. So schildert er zuerst die Naturerkenntnis nach dem Laplaceschen Geist: die Kenntnis der Anfangsbedingungen und Differentialgleichung aller Körper kennend, könnte diese Intelligenz alles Zukünftige und Vergangene berechnen. Erledigt dabei auch die Qualitäten und dann sagt er: “Erstens nämlich ist daran zu erinnern, daß das Naturerkkenen, welches vorher als unser Kaualitätsbedürfnis vorläufig befriedigend bezeichnet wurde, in Wahrheit dies nicht tut, und kein Erkennen ist. Die Vorstellung, wonach die Welt aus stets dagewesenen und unvergänglichen kleinsten Teilen besteht, deren Zentralkräfte alle Bewegung erzeugen, ist gleichsam nur Surrogat einer Erklärung.” Der scheinbare Widerspruch löst sich ja aber doch wieder, wenn am Ende klar wird, dass Herr Du Bois ja auch in den Mechanismus vertritt, aber aufzuzeigen versuchte, dass dieser seine Grenzen habe. Bis zur mechanistischen Erklärung des Bewusstseins werde man es nie schaffen, innerhalb seiner Grenzen dürfe und solle man aber alles mechanistisch-physiko-chemikalisch auseinanderbauen und verstehen.

Nun sind die Fußnoten doch (noch!) nicht länger geworden als der Text und die Polemik [3] fehlt fast völlig.

[1] Nein, wirklich neidisch bin ich auf Hilberts Hut und Leibniz’ Locken, oder vielmehr, was darunter vorging. Hilbert in dessem Umfeld oder Raum die Quantenmechanik entstand oder stattfindet. Dessen “Programm” und seine Unmöglichkeit die Krone aller exakten Naturwisschenschaft ist. – Und der sich gegen Du Bois-Reymonds “Ignorabimus” verwahrte.

[2] Dies sind zwei Punkte, die ähnlich vielleicht auch bei der Sloterdijks “Menschenpark” gegeben waren, und zu dem Erregungspotential beider Reden vielleicht das ihrige taten.

[3] Deswegen hier ein bisschen: “Physicists are simply less willing than philosophers to suffer through a few pages of dreary analysis to prove something they never doubted in the first place. So although all physicists know about Bell’s Theorem, most look blang when you mention Kochen-Specker or Bell-KS.” David Mermin, Rev. Mod. Phys. 65, 803–815 (1993) – In ebenjenem Artikel wird auch Mortimer J. Adler “Natural Theology, Chance, and God”, in The Great Ideas Today (Encyclopedia Briannica Chicago), pp. 288-301, zitiert:
„Most theoretical physicists are guilty of … fail[ing] to distinguish between a measurable indeterminacy and the epistemic indeterminability of what is in reality determinate. The indetermincy discovered by physical measurmenents of subatomic phenomena simply tells us that we cannot know the definite position and velocity of an electron at one instant of time. It does not tell us that the electron, at any instant of time, does not have a definite postion and velocity. [Physicists].. convert what ist not measurable by them into the unreal and the nonexistent“

[4] Hier hätte ihre Polemik stehen können. Ich bin wohl immer noch nicht über diesen Satz aus dem Perlentaucher-Artikel hinweg (Hendryk Broder ist ein…).

Tante Emmas Gemischtwarenladen für Weltbilder, rhetorische Grundfiguren und anderes I

Dies soll eine kleine bunte Sammlung werden. Zur Selbstbedienung und zum Eigengebrauch.

(i) Hilfe ich werde verfolgt,.. also habe ich recht

Diese vielleicht bei den “Linken” zu vermutende rhetorische Grundfigur (“Gegen das System”), geht vielmehr quer durch alle Bänke. Vom eklen Hetzblog, Schmierenpresse (“Jede Wahrheit braucht einen Mutigen, der sie ausspricht”, oder so) bis zum “Hochfuilleton”. Nicht nur ganze Artikel gründen sich auf dieses Motiv manche Naturen errichten ihr ganzes “Weltbild” darauf.

Nehmen wir zum Beispiel mal die “Achse des Guten”.. oder ihr “Climagate”. Hauptmotiv bleibt immer: das (linke) Meinungskartell der politisch Korrekten unterdrückt die ihr unangenehmen Wahrheiten, z.B. bei letzterem dass die Datengrundlage zum Feststellen der Klimaerwärmung in Wirklichkeit ziemlich dünn sei. Oder, daran arbeiten sie sich ja hauptsächlich ab, dass die wichtige und richtige Islamkritik von den Multikulti-Wischi-Waschi-Illusionisten bekämpft und mundtot gemacht würde.

Das Problem hierbei ist, dass schwerlich objektiv festgestellt werden kann, ob diese Unterdrückung wirklich vorliegt. So gab es ja auch einen Fall “Eva Hermann”, bei der man irgendwann die Nazi-Totschlag-Keule rausholte. Kurz danach, so meine ich mich zu erinnerern, habe ich ihren Auftritt bei Beckmann gesehen und mich über dieses billige Schmierentheater amüsiert, dass da Skandal sein sollte und Anlass gab weiter auf sie einzudreschen. Die Frage ob das Tabu, das Meinungskartell wirklich existiert ist zunächst einmal von dem Wahrheitswert der Aussage völlig unabhängig. So wäre es in besagtem Fall doch viel einfacher gewesen sich inhaltlich mit den Thesen von Frau Hermann auseinanderzusetzen, so jedoch hat man sie darin bestätigt, dass Ihre Meinung verfolgt und geächtet wird, vom Feminismus-Gender-Mainstream oder was auch immer. Diese Art von Argumenten sorgt also immer dafür, dass man sich von der inhaltichen Diskussion wegbewegt und in ideologischen Grabenkämpfen verliert. Das mag erwünscht sein, um die Debatte zu befeuern, ist auf die Dauer aber doch ermüdend (s. auch Jan Fleischhauer “Unter Linken”).

Wenn Sie jedoch Eindeutigkeit und Einseitigkeit nicht scheuen, mal ordentlich was vom Zaun brechen wollen, so greifen Sie zu. Stilisieren Sie die Gegenmeinung zum herrschenden Mainstream. Provozieren Sie, bis man sie angreift, was Sie dann wieder als Bestätigung Ihrer Ausgangsthese nehmen können.

Themen gibt’s ja genug. Islam ist vielleicht etwas übersättigt, weil auch schon alle Argumente getauscht sind, Links-Rechts-Schemata sollte seit Jahrzehnten schon ausdiskutiert sein, bietet aber immer schönes Identifikationspotential… Was haben wir denn noch im Angebot? Vielleicht etwas aus Kunst oder Literatur, vielleicht zusammen mit “dem aufstrebenden Internet”, auf das die “Holzmedien” fortwährend eindreschen? Nene, soviel Sand…

PS. Für die Vollständigkeit sollte ich noch Beispiele aus Feuilleton u.a. bringen, vielleicht auch mal aus der taz.

Edit: Das vorher vorgschlagene Motiv, dass nur eine Minderheit Träger der Wahrheit und der Rest der Gesellschaft ihr feindlich gesinnt, findet sich gewissermaßen schon im Höhlengleichnis. Derjenige, der die wahren Ideen und das Licht geschaut und nun zurückkehrt in das Dunkle der Höhle, um Kunde zu bringen davon, er kann sich eines unfreundlichen Empfangs sicher sein.

Edit: Edit: Das Prinzip ließe sich anhand des Entstehens einer Religion fortführen: So wurden wir im Religionsunterricht vor den Sekten gewarnt. Merkmale genannt. Wie dass sie sich abgrenzen vom Rest der Welt, ihre Gemeinschaft (auch rituell) beschwören, ihr Weltbild zementieren gegen das Böse, Falsche Außen. Und was macht dann die Religion, beziehungsweise, wie ist denn das Christentum entstanden, denn als Sekte? Und was ist das für ein absurder Bluttrinkritus, den man im Film lieber für die Satanisten verwendet. Damit keine Missverständnisse entstehen: Die grossen christlichen Religionen sollen hier nicht gleichgesetzt werden mit (solchen) Sekten, die ihre Mitglieder einer Gehirnwäsche unterziehen und andere unschöne Dinge tun. Dennoch gibt es vielleicht ähnliche Strukturmerkmale eines sich abgrenzenden, geschlossenen Weltbildes (und schon wieder auf dem Glatteis). Es ging eigentlich nur darum: Wenn eine Sekte aufsteigt zur Religion, wird sie die anderen Sekten genauso verfolgen, wie sie verfolgt wurden von den anderen Religionen zuvor? “Vae victis!” – Die ehemals unterdrückenten werden die Unterdrücker. So wie unsere Linken, die Alt-68er?

Hawking ein Wissenschaftpopulist?

“Wenn ich Populärwissenschaft höre … entsichere ich meinen Browning!”

Hawkings ist in seiner eigenen Zunft nicht so gut gelitten, so weit ich das mitbekommen habe. Vielleicht neidet man ihm seinen Erfolg oder hasst diese Art der Popularisierung von Wissenschaft, die dann dafür sorgt, dass man sich mit Laien über die komplizierten Theorien und den Urknall unterhalten soll.

Wie in einem launisch-polemischen Artikel in der Zeit bündig festgestellt wird:

Preisfrage: Wie verkauft man eine komplizierte physikalische Theorie, für die sich niemand interessiert? Antwort: Indem man einen Bezug zur Metaphysik herstellt. Dass diese Methode zuverlässig funktioniert, hat nicht nur Stephen Hawking bewiesen, der in seiner Kurzen Geschichte der Zeit immer wieder auf »Gott« und dessen Plan zu sprechen kommt.

(Dort habe ich dann auch erfahren, dass das unsägliche “Gottes-Teilchen” viel treffender “goddamn particle” heißen sollte, aber das passte in Amerika wohl nicht so gut auf den Buchdeckel.)

Nun durfte ich kürzlich ein Kapitel aus seiner “Kurzen Geschichte der Zeit” lesen und fand zwei Punkte in diesem Kapitel bemerkenswert. Zum einen war es schön dass ein Inhaber von Newtons Lehrstuhl expliziten Bezug zu dem Newton attributierten Uhrwerk-Metapher nimmt, und auch dem Reduktionismus zuneigt:

Jede Geschichte in der Aufsummierung von Möglichkeiten beschreibt nicht nur die Raumzeit, sondern auch alle Einzelheiten darin, einschließlich so hochentwickelter Organismen wie der Menschen, die die Geschichte des Universums beobachten können.

Wird hier mit “Geschichte beschreiben” die Notwendigkeit und die Determiniertheit mit der die Naturgesetze die Vorgänge aus einmal gegebenen Anfangsbedingungen entwickeln mit eingeschlossen – so wie er von den möglichen Startzuständen des Universum spricht und den Konfigurationen, die sich ergeben, liegt es zumindest nahe. Direkt vor diesem Satz steht auch Heitlers “Im Prinzip” (s. der Artikel Wissenschaftskritik I hier), indem Hawking dann doch konzediert, “dass ein Modell, welches das Universum in allen Einzelheiten bescheibe, mathematisch viel zu kompliziert [sei], um mit seiner Hilfe genaue Vorhersagen errechenen zu können.”

Der zweite Punkt betrifft seine Abneigung gegen das anthropische Prinzip, der ich auch zuneige. Wollte man sich mithilfe dieses Zirkelschlusses, dass wir die Welt so beobachten, wie sie ist, weil wir sonst nicht da wären, um sie zu beobachten, aus der Affäre ziehen, um die willkürlichen, so fragilen Anfangsbedingungen des Universums auf die Parameter zu “tunen”, die dann auch unser Universum ergibt, täte man dies, so sagt Hawking “käme [dies] einem Offenbarungseid gleich, einem Abschied von unserer Hoffnung, wir könnten die dem Universum zugrundeliegende Ordnung verstehen.” Diesem letztlich metaphysischen Vorurteil würden wahrscheinlich die meisten Physiker zuneigen, dass es “weit befriedigender [wäre], wenn [..] unser Universum nicht einer der möglichen Geschichten ist, sondern auch eine der wahrscheinlichsten.” Wenn er aber dieses Vorurteil schon für die Physik hat, warum nimmt für die Entstehung des Lebens so einen Primitiv-Darwinismus an, in dem die Natur dem dummen Affen gleich auf der Schreibmaschine irgendwann die richtige Basenkombination des Makromoleküls zusammengehackt hat?

Schon der Titel des achten Kapitels fuchtelt als “Ursprung und Schicksal” mit der Metaphysik und ganz am Ende will Hawking Gott vielleicht noch das Uhrwerk des Universum aufziehen lassen, beziehungsweise stellt die Frage, wo überhaupt noch Raum für den Uhrwerkmacher wäre in seinem abgeschlossenen, grenzen- und randlosen Universum. Ach, es ist ein merkwürdiges Machwerk, dieses Büchlein: da wird provokativ mit den metaphysischen Überresten gespielt, die Hawking oder der heutige Naturwissenschaftler letztlich schon für obsolet halten müssten – und gleichzeitig ist die eigene metaphysische Position schon unsichtbar geworden. Die Naturbeschreibung wird zur Naturerklärung, ja selbst schon die Spekulationen, Theorien und Modelle (die oft alle in eins gerührt werden) werden als Realität angenommen. So muss man es wohl machen will man Physik verkaufen.

“Schöne neue Welt, die solche Bücher erträgt”, möchte man mit Ernst Peter Fischer klagen.

Versuchen wir nun endlich eine Defintion, was Wissenschaftsideologie eigentlich sei?

Damit möchte ich jene Schrumpfform von Wissenschaft bezeichnen, die ihre eigenen Methode, die metaphysischen Vorbedingungen ihrer Theorien, nicht mehr reflektiert bzw. unsichtbar werden lässt, in welcher die Grenzen und Aussagefähigkeit der Modelle verwischt werden, in der der Fortschritt und der Erkenntnisgewinn der Forschung beinahe genauso zwangsläufig erfolgt wie die Naturgesetze selbst (die falschen Theorien werden anhand ihrer empirisischen Widerlegung einfach aussortiert).

Die vom Titel aufgeworfene Frage, ob Hawking nun für dieser Wissenschaftsideologie anhängt oder für sie benutzt wird,.. verschiebe ich mal in die nicht-existenten Kommentare.

Edit: Den Titel habe ich nun geändert.

Feindbild

Für eine Bärin von nicht geringem Verstand

Ich hasse Versicherungen. Dieses Geschäft mit der Angst. Diese deutsche Vollkaskomentalität. Das Leben ist nun mal nicht berechenbar. That’s the beauty of it. Wenn man seltene Ereignisse nimmt, dann sind die doch in der Regel poissonverteilt. Das heißt doch der Erwartungswert ist gleich der Standardabweichung. Der Fehler ist also so groß wie die Größe selbst. Egal.

Eineinhalb Stunden wollten sie mir Versicherungen aufschwatzen. Ich hoffe es war für sie zumindest ähnlich unangenehm wie für mich. Eure bunten Broschüren könnt ihr behalten. Jetzt bekommt ihr etwas mehr als zwanzig Euro von mir und ich hab hoffentlich Ruhe. Ruhiger schlafen kann ich allerdings nicht, wie ihr behauptet, weil der Ärger jedes Scheingefühl der Sicherheit überschattet: Ihr bekommt unnötig Geld von mir.

Dafür gab es schöne Stilblüten.
Malte der eine doch so etwas auf ein Blatt, um mir zu erklären, wie man mit Aktien Gewinne macht:

Aktienkursskizze

Aktienkursskizze


Bei welchem der Punkte ich denn kaufen oder verkaufen würden wolle, “Kurvendiskussion, Kosinus, Sinus, kennen Sie doch noch aus der Schule..” – Hallo? – Was soll das sein? “You know, for kids.”?! Was sind die Achsenbeschriftungen, Äpfel und Birnen? Ist die Kurve stetig diffbar? Wenn Sie doch wissen, wann es rauf und runter geht, dann..

Ach, es ist doch zu dumm..

Als mir ausgerechnet wurde, wie wenig Rente ich mit meinem jetzigen Gehalt bekäme, und ich behauptete, das würde mir aber reichen, erntete ich Unverständnis. Es gilt die Angst vor dem Status-Abstieg zu schüren (als ob ich überhaupt einen Status erreicht hätte und als ob mir das wichtig wäre!). Bah. Hartz IV fiel, natürlich, da könne man nicht hinwollen. Wir müssen Angst haben. Um unsere Rente, um unseren Job, unsere Attraktivität – weil sich Geld damit scheffeln lässt. Goldgräberzeiten für Sicherheitenverhökerer. Einfach keine Angst haben. Ist es nicht das Problem der Gesellschaft, wenn sie meine Potentiale nicht nutzt, ihr geht doch was verloren. Millionenfach. So darf es aber nicht gesehen werden. Zeit für die Beweislastumkehr,… irgendsoeine “Wende” könnt’ man doch spendieren, nach linguistischer, kognitiver und geistig-moralischer. Stattdessen ist Wahl. Sinnlos.

Die Immanenz der Kritik

Da hatte ich mich nur für eine kleine Stichelei bei FAZ.net angemeldet und schon ist das soziologische Experiment gescheitert. Das war schon zu viel. Dabei hat der Kommentator, dessen Einlassungen ich eigentlich nur loben wollte, doch eine viel treffsichere Spitze abgefeuert. Es ging um einen Artikel über Multitasking , der auch prompt wieder alle Vorurteile erfüllte. Einen “boris kotchoubey” nötigte es jedenfalls zu einer dreiteiligen Zerlegung des Artikels, bei der unter anderem auch schrieb: “Wozu also das Theater? Ganz einfach um das konservative Publikum zu bedienen, das vor Neuem immer eine panische Angst hat. Dieses Publikum hat Geld und Einfluss, und es werden in Massen pseudowissenschaftliche Argumente produziert, die diese Angst bestätigen und weiter schüren.” – Der Gegenangriff mag in Teilen (rhetorisch) nicht einfallsreicher als der Artikel sein (zunächst beginnt er damit dem Autor die Kompetenz abzustreiten, und ganz zu Ende folgt noch die Aushebelung all dieser technologiekritischer Reflexe á la Passig). Jedenfalls fand ich diese Einlassungen zwischen all dem “Das Internet/Google/Kaktus ist böse und heiß”-Schmock sehr erfrischend und wollte meiner Begeisterung Luft verschaffen:

@Boris Kotchoubey

Dieses Machwerk von Artikel, das ich mir nach dem Titel schon nicht mehr zu Gemüte führen wollte, verarbeiten Sie zu Kleinholz, dass es eine Freude für mich war. So etwas wünschte ich mir in gedruckter Form,
vielleicht als Leserbrief?

Warum müssen denn, wenn man den Zweifel (oder wahlweise auch die Unabhängigkeit, die kritische Reflexion usw.) bemüht, die Artikel so einfallslos-unkritisch geraten, als dienten sie dem Leser nur zur Bestätigung seiner wenig in Anspruch genommenen Denkfähigkeit?

…wird jedenfalls nicht veröffentlicht.

In der Zeit jedoch werden Publikumsbeschimpfungen veröffentlicht:
“Ich bin cool, ich war schon mit 14 im Berghain, ihr seid alle Wichser.”
Jetzt ist meine Zeit um. Ein bisschen kann die Frau Hegemann einem jedoch leid tun. Nur wer sich auf das Spiel mit der Authentizität einlässt hat schon verloren (selbst wenn sie darin besteht sie fortlaufend zu dekonstruieren). Spiel nicht mit den Schmuddelkindern von der Literaturkritik?

Edit: Eigentlich hätte es ein Artikel über die Unmöglichkeit der Kritik werden sollen (s. Titel). So wie der Fulgurator und Banksy mit dem Erfolg bei Publikum und Kritik die Zähne gezogen werden (so ähnlich, das ist eine meiner Liebliengsthesen, war es mit dem Nazarener, die frohe Botschaft, das Ende der Religion, ließ sich nur durch Religion entschärfen – na vielen Dank!). Ist eben leider alles dialektisch, mit der (System-)kritik (das hätte die Hegemann von ihrem Adorno doch auch schon wissen müssen). Das “Akklamationsproblem”, es ist ein zwiefaches: für den auf der Bühne, Textverfasser, der nicht zur Gedankenlosigkeit vereinnahmen darf und für den Rezipienten, der nicht zum (Gesinnungs-)Claqueur werden darf.

Die Titanic schaue ich mir dank Abo nun auch öfter an und ich habe mir schon beim ersten Heft die Frage gestellt, ob wer so dauerhaften Bezug zum aktuellen Zeitgeschehen nimmt, dieses nicht letztlich bejaht (ohne die Information über diesen ganzen Blödsinn würde man die Witze ja nicht einmal verstehen).

Naja, Fuck the system, wenigstens nen bisschen, und so.

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