Lafcadios Loch

Go-Steine und nicht viel mehr

Ich als Algorithmus

- oder über die Ontologie von Computerprogrammen

An anderer Stelle wurde der ontologische Status von Kunstwerken problematisiert. Da ich mich gerade so mit den Grundfragen beschäftigen wollte, was da eigentlich passiert, wenn wir Programmieren oder ein Programm ausführen, scheinen die Fragen sich so gleich anzuschließen: Auf welche Weise existiert denn ein Computerprogramm? Durch seine Quelldateien oder ist es vielmehr die abstrakte in den Dateien aufgehobene Information und die Ideen die in dieses Programm geflossen sind? Oder was ist, wenn gar kein Rechner oder Compiler mehr verfügbar ist, um das Programm auszuführen oder zu kompilieren? Existiert das Programm nur in dem Moment des Ausführens, ähnlich wie für das Kunstwerk vorgeschlagen wurde, dass es gewissermaßen nur in dem Moment seiner Rezeption auflebe?

Zunächst aber noch ein paar irritierende Analogien. Mit einem
print "Hallo [Welt]"
habe ich natürlich auch angefangen, aber schnell bin ich auch zu einem ähnlichen Erlebnis gekommen wie Grace Hopper: “Wow, im Prinzip kann ich das Ding alles machen lassen, was ich will.” Diese grenzenlose Freiheit, so stellte ich fest, kann aber ähnlich lähmend oder problematisch sein, wie das weiße Blatt Papier, auf dem man im Prinzip jeden beliebigen Gedanken niederschreiben könnte – aber welchen verdammt? Als erste Fingerübung haben ein Freund und ich dann eine Klassentelefonliste gebaut. Sehr rudimentär, aber bald hatten wir so etwas wie Menüs, Programmteile, die wir wo wo anders wieder verwenden konnten. Eigentlich lernten wir auch so implizit: Wir schauten uns ein Beispielprogramm an und durch Variationen, Abänderungen lernten wir, was der Interpreter noch ausführte, was so die Syntaxregeln sind und über die Kontexthilfe wie man die einzelnen Befehle wohl zu verwenden hat. Erst ein Jahr später schauten wir in ein Buch und sahen, was es noch so alles an anderen Befehlen gab und wie die Sprache formal überhaupt aufgebaut ist. – Was mich so lockte war wohl der Spieltrieb und es war auch wie ein mächtiges neues Sprachspiel, das ich erlernte. Dann als es Überhand nahm und ich zwei bis drei Stunden täglich am Computer saß, brach ich das ganze ziemlich abrupt ab. Mit zwei Klassenkameraden gab es noch die Idee eine Software-Firma zu gründen, aber das Ding nahm nie wirklich Form an. Einer der beiden machte auch die Prä-Internet-Zeit mit Mailboxen mit, aber die Begeisterung sprang nicht wirklich zu mir über.

Manchmal..

wäre ich gerne Redakteur bei der Titanic.

Zum Fall Sibylle Lewitscharoff würde ich dann jetzt z.B. eine öffentliche Verbrennung ihrer Bücher anregen, vllt. finden sich ja ein paar Shitstürmer oder Wutbürger, die mitmachen.

Ilja*, 5 Monate

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*Name von der Redaktion geändert

“Harness complexity”

- Ich weiß diese Komplexitätsscheiße ward noch versprochen: Hier Systemtheorie, dass die Aufgabe oder der Sinn, den ein (psychisches) Systems erzeugt durch die Reduzierung von Komplexität aufscheint.
- Und das jetzt übertragen auf die IT… Wo immer genau das Gegenteil passiert?
- Ja, nein… Ach, megaegal.
- Aber das Thema ist doch gut. Die komplexen Systeme, Kultur, Symbolnetzwerke, Wissenschaft, die der Mensch auftürmt wie Termitenhügel, um die Welt, die Dinge irgendwie zu bewältigen..
- ..und dabei nur weitere Komplexitäts-Katastrophen heraufbeschwört, weil seine Erklärungen nur einen Teil treffen oder seine “Lösungen” wieder dies und jenes nicht bedenken, jaja. Aber irgendwie..
- ..ist dir grad nicht danach?
- Ja, weiß nicht. Nicht ganz fokussiert. Bringen wir’s aber halbwegs nach hause das Thema.
- Du bist doch auch so ein Verfechter des KISS-Prinzips.
- Verfechter ist schon fast zu wenig. Es ist schon ein Glaubenssatz, ein Mantra, ein goldenes Kalb… Oder vielmehr schon ein Kassandra-Ruf: Versuch es wenigstens am Anfang noch, die Dinge einfach zu halten, irgendwann kommt eh’ die Komplexitätskeule und dann fliegen dir die Spezialfälle und Seiteneffekte nur so um die Ohren.
- Aber das muss man dann aushalten.
- Genau darum geht es. Irgendwie müssen wir uns da über Wasser halten… Das ist für mich auch das Faszinierende oder sagen wir die große, starke Metapher vom Go. Gerade bei den ersten Zügen wo noch alles leer ist, da ist das eine unheimliche Freiheit, so viele Möglichkeiten und ich fühle förmlich die Komplexität an mir zerren, wie ich in diesem Ozean der Möglichkeiten meine unbeholfenen Paddelbewegungen mache, um nicht unterzugehen.
- OK, versteh’ schon und dass dann als etwas schiefes Bild fürs ganze Leben, wo wir mit unseren tausenden Entscheidungen jeden Tag auch irgendwie durcheiern.

- Ich befürchte, dass musst du ein bisschen ausführen. Die Beschäftigung mit dieser sogenannten Grundlagenkrise der Mathematik treibt dich ja schon länger um.
- Ja, vielleicht ist es zu viel, aber für mich.. sind das schon Helden; Hilbert, Whitehead, Russell, Gödel, Cantor, Frege. Die haben doch im Grunde mit so einer grundlegenden Frage gerungen wie: “Was können wir erkennen?” – bzw. vielmehr “Was können wir sicher wissen?” – Da ist doch dieses, auch wenn “faustische” eigentlich nicht richtig ist, für diese Leidenschaft, der Mathematik, der Logik oder unserem Denken endlich eine unerschütterliche Basis zu geben.. und damit haben diese Leute bis zur geistigen Zerrüttung gerungen.
-.. Und standen am Ende vor einem Trümmerhaufen? Kaum hatte man das Meta an die Mathematik geschraubt, kamen schon wieder all die Dämonen der Selbstbezüglichkeit.
- Schon. Man kann es aber auch anders bewerten.
- Nun, diejenigen, die mit diesem Ziel angetreten waren, aber wohl doch kaum. Für die war es ein herber Schlag.
- Unbenommen. Nur aber, das wird jetzt schon wieder so pathetisch, man könnte geradezu sagen, dass die Mathematik damit menschlich bleibt.
- Wie meinen?
- Gibt es von Kafka nicht dieses Bild von dem Seiltänzer? Nicht? Vielleicht auch auch bei Hilde Domin. Egal. Jedenfalls ist das so ein wiederkehrender Grundgedanke bei mir.
- Dass wir nie festen Boden unter den Füßen haben. Dass nichts sicher, wir keine unserer Ordnungen bedingungslos und immergültig sei?
- Genau. Wir setzen den Fuß vor die Tür und sind schon in einem Gespinst, Wust kontingenter Ordnungen. Dass sich der Fußboden nicht auftut oder eine Revolution alles hinwegfegt ist vielleicht nur Zufall.
- Nein, das nicht.
- Ja, ich möchte es auch eigentlich auf das Denken bezogen wissen. Wir haben so einen gesunden Menschenverstand, Metapherngeäste oder Sprachspiele, innerhalb derer wir einigermaßen zu operieren wissen – unser aller Halbwissen, mit dem wir uns so durchs Leben hangeln..
- Aber eigentlich könnte da jederzeit ein Kind kommen, mit dem Finger auf uns zeigen und sich über die willkürlich gesetzten Denkvoraussetzungen lustig machen.
- Warum sollte es da der Mathematik anders ergehen, dass sie irgendwie in der Luft hängt?*
- Genau. Auch wenn die Mathematiker das vermutlich anders sehen… Aber für mich war Mathematik immer das: Die Konstruktion abstrakter Strukturen und das Studium ihrer Eigenschaften – Polygone, Vektorräume, Gruppen, Hopf-Algebren oder Fließkommazahlen.
- Für diese Kopfgeburten stoßen die Mathematiker auch weiterhin als Entdecker vor: Sie wissen nicht, ob ein neuer Satz, über diese Dinge richtig oder falsch ist, ja sie wissen nicht einmal, ob er in dem gegebenen Axiomensystem überhaupt wahr oder falsch ist!
- OK, belassen wir es heute dabei. Das dürfte für Kopfschmerzen schon reichen… Aber wir sollten nicht vergessen, worauf du eigentlich noch hinaus wolltest: Programmieren als Komplexitätsreduktion.

*Ein Mathematikprofessor gab gern die Geschichte über (endliche, nichtkommutative?) Schiefkörper zum Besten: Da hätten Leute schon fleißig Dinge darüber bewiesen, bis dann einer (Wedderburn?) kam und zeigte dass die gar nicht existieren.

- WAS WAR DENN DAS? Kann man euch denn keinen Moment aus den Augen lassen? Der eine führt schon Telefonate mit seinem Autor wie Paul Auster und der andere.. erweckt hier Computerprogramme zum Leben. Gruselig. Hättest du nicht sowieso schon keine Leser. Scheint dieser Sichter und Ordner der einzige [zu sein] der bei Bo[m]b Macha nicht ganz den Kopf verliert.
- Ja, is’ ja nu gut. Bist du deine Links losgeworden? Können wir jetzt hier endlich weiter machen im Text.
- Nun, ich mein’s aber ernst. Schnittstellen, private, public Methoden, das mag ja alles angehen, das Zeuchs,.. aber LEBEN?! Hallo? Pflanzen die sich etwa noch fort und vererben etwas, oder wie?
- Es drängte sich selbst eben auf diese These und dann musste ich die auch mal in den virtuellen Raum stellen. Und Vererbung, na klar, die gibt es auch noch. Ich bin ja selbst verblüfft darüber.. dass man jetzt das Vokabular von Plessner oder der Systemtheorie auf die Konzepte der Programmierung übertragen werden könnte. Ich möchte ja gar nicht sagen, dass man das sollte.
- Ts. Jetzt wieder der Totalrückzug? Wenn du das nicht gesagt haben möchtest. Warum sagst du dann überhaupt etwas?
- Nun, vielleicht so: Nehmen wir es als metaphorologisches Fragment, die Informatik zu erschließen.
- Uff, aus der Nummer komm ich wohl nie wieder raus.
- Na sei froh, dass du nicht in meinen Roman geraten bist. Bei dem habe ich mir jetzt überlegt soll es nicht nur um “Raum” (und Go) gehen, sondern er soll auch.. ein Computerprogramm sein.
- ?
- OK, das ist noch nicht so ganz ausgereift. Es soll kein Computerspiel, kein multimediales Buch mit so ein paar Tönen oder Videos, das wäre Quatsch, aber ich werde meine Programmiertätigkeit da mit hineinnehmen.
- Hilfe. Du willst wirklich, dass das völlig unlesbar und unverkäuflich sein wird, oder?
- Aber eigentlich wollte ich heute gewissermaßen auf die metaphermäßige Gegenseite kommen. Wir hatten jetzt ja Organizität. Software oder Objekte als Proto-Lebewesen, mit Schnittstelle oder Proto-Membran. Das läuft unsrer Intuition völlig zuwieder, nach der wir Programme nur als tote Abfolgen von Anweisungen sehen wollen, die eine Maschine blind und sklavisch befolgt.
- Da haben wir dann diese Wortfelder, die auch diese ganzen Paper durchsetzt, die beweisen, dass Computer nicht denken können, bzw. das schon 1960 als absurd abtan: Was diese Systeme tun ist mechanisch, formal, uninspiriert, einfallslos, sie könnten ja nicht einmal Fehler machen etc.
- Hörst du da auch noch ein vitalistisches Echo? Ja, der Maschine fehlt der Élan vital, der göttliche Funke, das Einhauchen des Lebensatems.
- Das Müssen wir Demiurgen eben besorgen.
- Ach die schon wieder. Aber weiter in diese antarktische Kälte der reinen Erkenntnis: zu den formalen Sprachen und der Beweistheorie.. Was kannst du von dort herüberbringen?
- Ja, ich hatte mir da letztens ja ein bisschen was reingezogen. Hmm.. Wie soll ich es anfangen. David Foster Wallace schließt sein Buch mit den Worten:

Falls es Sie interessiert: Gödel selbst hielt die Kontinuumshypothese für falsch; er glaubte, dass noch eine ganze ∞ von ∞en des Zenon-Typs zwischen ℵ_0 und 2^ℵ_0 “eingeschachtelt” ist und das früher oder später ein Prinzip gefunden würde, das dieses beweisen würde. Bislang wurde kein derartiges Prinzip gefunden. Gödels und Cantors letzte Lebensjahre waren von Gemütskrankheiten überschattet, und sie hinterließen eine Welt, die keine endlichen Umfang hat. Eine Welt, die sich heute in einer neuen Art von formaler Leere dreht. Die Mathematik steckt noch immer in den Kinderschuhen.

Also ich sehe das genau andersherum. Es ist nicht Leere, sondern Erfülltheit. Wenn man das natürlich aus Hilberts Sicht nimmt, so war das vernichtend und das klingt für mich da immer noch hindurch: Es wurde kein felsenfestes Fundament für die Mathematik gefunden, bzw. genauer: es wurde gezeigt, dass dieses Fundament nie vollständig, nie über alle Zweifel erhaben sein würde. Aber ist das eine so schlechte Nachricht? Heißt das nicht auch, dass die Mathematik nie zu einem Ende kommt, dass man noch immer auf neue Sätze stoßen wird und wir nie mit Sicherheit sagen können, ob er wahr oder falsch ist, bis wir einen Beweis oder eine Widerlegung haben. Hätte mit Erfüllung von Hilberts Traum nicht gewissermaßen auch das Ende der menschenbetriebenen Mathematik bedeuten können, weil man unser formales System einfach dem Elektronengehirn hätte einspeisen müssen und dieses könnte dann aus den Schlussregeln schon alles ableiten – ähnlich wie Hegels Geist das Ende der Geschichte wäre – Aber es ist ja nicht so. Zum Glück.

- Du wolltest heute ein paar dieser Hacker-Begriffe klären..
- Hacker.. Damit fängt es ja schon an. Das könnte oder sollte ein ernsthafter Programmierer eigentlich als Beleidigung nehmen.
- Wie? Für uns Nicht-Nerds ist das doch alles das Gleiche.
- Nicht wirklich. Ich war auch verwirrt, was ich da auf meine Visitenkarte schreiben sollte: Programmierer nicht, vielleicht Software-Entwickler oder Software-Ingenieur, ein Begriff, der im Deutschen leider wohl nicht üblich ist.
- Ja, aber nun erklär doch mal warum Hacker so despektierlich sein soll. Eigentlich versteht man doch darunter jemanden, der sich bis ins kleinste Detail mit irgendeiner Sache auskennt und dann irgendwas Abgefahrendes daraus bastelt und fummelt.
- Genau, aber dieses Basteln und Fummeln, sollte ein richtiger Programmierer von Anfang an vermeiden. Seine Software sollte klar konzeptioniert sein, wartbar und wohl dokumentiert. Ein Hacker nutzt womöglich sogar eine Besonderheit des Compilers oder eine Schwachstelle einer bestimmten Version, um seine Lösung zusammenzuschrauben, aber das hält dann nur dieses eine Mal.
- Der Programmierer sollte das also etwas professioneller zu Werke gehen? Dass seine Software vielleicht auch noch von dem übernächsten Mitarbeiter verstanden und weiterverwendet werden kann?
- Exacto. Was die Weiterentwicklung und den Umgang mit Software so unglaublich schmerzhaft macht, ist ja meist nicht die Schnittstelle zwischen Programmcode und Rechner, sondern die zwischen den Menschen. Den Code auf die Maschine bringen, kompilieren und den Code zum Leben zu erwecken, das lässt sich meist schon bewerkstelligen,.. aber dass er dann das richtige Macht, dass die Spezifikation richtig interpretiert wurde, und der Anwender später wirklich mit deiner GUI umgehen kann, dass steht dann noch auf einem anderen Blatt.
- Und legacy code, das wäre dann die nächste Sache.
- Ja, genau. Das ist vielleicht noch der viel größere Punkt: Die meisten Unternehmen haben diese Alt-Systeme. Code der über Generationen gewuchert ist, wie Efeu-Gestrüpp und den man partout nicht mehr loswerden wird. Da türmen sich dann 500.000 Zeilen aus C, C++ oder Java von unterschiedlichsten Leuten schon wie prähistorische Gesteinsschichten.
- Und jeder Neu-Einsteiger darf sich erst einmal mehrere Monate, unproduktiv da hindurchwühlen?
- Genau. Aber diese Teile hängen meist zu tief drin, es wäre noch aufwändiger oder ist im Budget nicht drin, oder wurde gar schon versucht, dieses Altsystem oder zumindest Teile zu ersetzen.
- Da hätte dann das Design von Anfang an stimmen müssen, die Vision des großen Ganzen, schon umfänglich und variabel genug? Aber da es wächst und sich entwickelt, ist es dann irgendwann nicht groß genug, oder plötzlich muss die Software auf Dinge erweitert werden, für die sie gar nicht gedacht war.
- Das passiert wohl häufig. Geht vielleicht schon Richtung Featuritis, Bloatware (oder aka eierlegende Wollmilchsau).
- Aber wobei es beim Programmieren ja eigentlich geht ist das Problemlösen.
- Wobei man sich unentwegt neue einhandelt?
- Das bestimmt. Damit bleibt man ja auch im Geschäft und macht sich nicht gänzlich überflüssig. Nun, wie geht aber die Wissenschaft beim Problemlösen üblicherweise vor?
- Reduktionistisch? Sie zerlegt die großen Probleme in kleine Unterprobleme, welche für sich irgendwann hoffentlich handhabbar sind.
- Und das macht eigentlich genau ein Programmierer. Früher wurden beim Strukturierten Programmieren solche Unteraufgaben in Prozeduren oder Funktionen zusammengefasst. Heute hat man vielleicht die Objekte dafür.
- OK. Objektorientiertes Programmieren, hmm.. Ich kenn’ das nur aus Jurassic Park.. Aber du benutztest da eben einen etwas irritierenden Ausdruck; dass ein Programm oder auch Objekt zum Leben erweckt werde.
- Ja, man spricht sogar von der Lebenszeit einer Variable.
- Aber ist das jetzt nur eine Metapher – Anthropomorphisierung kann man in diesem Fall ja nicht ganz sagen, aber für ein Computerdings, etwas aus 0en und 1en ist das da nicht etwas hochgegriffen?
- Na, zum Leben erwecken heißt ja schon, dass es dann auf einer Maschine ausgeführt werden kann, und diese dann instruiert, es wird also Dinge tun, zu denen es instruiert worden ist.
- ..und manchmal werden diese Anweisungsteile so kompliziert, dass man gar nicht mehr weiß, warum das Programm in diesem oder jenen Fall so merkwürdig reagiert hat.
- Das ist natürlich kein wirklicher Skynet-Moment.. und dass ich noch erleben werde, dass die Künstliche Intelligenz so weit kommen wird, wie wir das in der Literatur mit Golems, Frankensteins, Ophelias und electronic sheep schon immer sind.
- Aber das mit dem Leben bringt mich gerade auf eine ganz abwegige Sache: Du kennst doch Plessner mit dem Lebewesen als grenzrealisierende Entitäten.
- Durchaus. Man könnte Ähnliches sogar in der Systemtheorie ausmachen, wo das System sich daraus ergibt, dass es eine Grenze zu seiner Umwelt habe.
- Et voilà, das ist eine Schnittstelle!
- Jaix.
- Du stimmst nicht überein? Ich fand diesen Geistesblitz gerade durchaus.. inspiriert. Haben Objekte nicht sogar ein Innen und ein Außen; Methoden und Variablen die privat und mithin nicht nach außen sichtbar sind?
- Hmm.. ja. Aber weißt du. Schnittstelle ist wieder so ein schillernder Begriff. So ein wolkiger. Für ein Programm C oder C++, da hat es eine feste Bedeutung. Da ist es wirklich was du in deine Quelldatei reinschreibst: Dieses Objekt hat genau diese und jene Methoden und Variablen. Punkt… Aber sobald du diesen Rahmen verlässt. Wenn es dann Schnittstellen zwischen Modulen, Programmteilen, Datenbanken, Prozessen, Firmen wird.. Kann es alles sein.
… (to be continued?)
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